Und Es Fängt Von Neuem An_Neubeginn
Mitglieder: TOTGEGLAUBT bestehen aus Ex-Members von X-BELIEBIG, DÄMMERATTACKE & BATES MEN: Bernd BECHTLOFF (Drums) - ehem. X-Beliebig, Bates, Zoltan DAROCZI (Bass) - ehem. X-Beliebig Dieter NEMETZ (Guitars) - ehem. Bates Thomas GUTH (Vocals) - ehem. Dämmerattacke, Bates Hannes EDER (Bass) - ehem. Bates Franz HEUSCHNEIDER (Bass) - ehem. X-Beliebig, Dämmerattacke, United Love Affairs Erich ALLINGER (Synthesizer) - ehem. Dämmerattacke
WIENER NEUSTADT polarisiert. Schon seit Langem. Man liebt es oder hasst es.
Tatsache ist: für einen kurzen Moment in der Kunst- und Musikgeschichte
Österreichs war die selbstbewusste Vorstadt des Wasserkopfs Wien ein
absoluter Hot Spot. In den Kellern, Galerien und Probelokalen Wiener
Neustadts erklangen Texte, Töne, Zwischentöne, die dringlicher, schärfer
und tiefgehender waren als so manche ihrer Vorlagen aus England und den
USA, jedenfalls interessanter als das Gros der „Neuen Welle“ aus Wien,
Graz, Linz & Co
Diese – kurze, aber heftige – Episode der heimischen Pop-Historie
verdient es knapp drei Jahrzehnte später, penibel dokumentiert,
diskutiert und neu bewertet zu werden. Was hiermit passiert: UND ES
FÄNGT VON NEUEM AN...
Im Zentrum der Retrospektive stehen legendäre Bands wie
X-BELIEBIG, DÄMMERATTACKE, WESTBLOCK, CHIEFS, ZERBRECHLICH und einige
mehr. Der Punk- und New Wave-Bewegung der frühen achtziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts zugehörig, intensiv, ja hyperaktiv präsent, doch
kurzlebig. In ihrem Windschatten erregten wenige Jahre später Neustädter
Musiker als THE BATES, ZIP GUNS und UNITED LOVE AFFAIRS lokale
Aufmerksamkeit. Wobei „lokal“ den Wirkungsradius bis weit über die
Stadt-, Landes- und Staatsgrenzen hinweg zieht.
Die Musikszene bildete auch das Biotop für weitere kreative
Kräfte. So war die (Mode-)Couture von GABI REINDL alias EMY PEEL, die
später für Castelbajac arbeitete, international erfolgreich. Die
zeichnerischen Werke von BÄRBEL KOVACS, die Maskenbilder von JUTTA
RUSSELL („Saving Private Ryan“, „Harry Potter“ etc.) und die
ambitionierten Filme von UTE MÜRWALD-BACHNER fanden ebenso Beachtung und
Anerkennung, mitunter fern der Heimat. Warum passierte das alles
ausgerechnet in der Kleinstadt am Steinfeld? Einer Metropole, die seit
jeher im geographischen, wirtschaftlichen und kulturellen Schatten von
WIEN steht?
Antworten müssen Zeitzeugen liefern. Und zwar, solange sie
auskunftsfreudig und, ja, noch am Leben sind. Der Doku-Film „UND ES
FÄNGT VON NEUEM AN“ geht etwa der Frage nach, warum die Platten von
damals in internationalen Sammlerkreisen heute Rekordpreise erzielen.
Denn sie stehen in scharfem Kontrast zum Mainstream jener Jahre. Für
musikbegeisterte DILETTANTEN lag es in weiter Ferne, auf der Bühne zu
stehen, geschweige denn, Tonträger zu produzieren oder auf Tour zu
gehen.
Die Revolution im Namen von PUNK und NEW WAVE setzte eine Zäsur,
weil sie die künstlerische Selbstermächtigung befeuerte, die Dissonanz
liebte und das Prinzip „Do It Yourself“ ausrief. Kommerzielle
Überlegungen blieben, wenn
überhaupt, zweitrangig. Echtes Wollen vorausgesetzt, war es nicht
nur möglich, sondern nachgerade logisch, als Band mit Live-Gigs ein
Publikum zu erobern und eine Indie-Veröffentlichung auf die Beine zu
stellen. Konsequent zurückverfolgt hat alles, was folgte, in der
Aufbruchsstimmung jener Jahre seinen Ursprung: GRUNGE, HIPHOP, TECHNO,
HARDCORE, DRUM & BASS... You name it.
Man muß kein
Musikwissenschaftler sein, um die Basis zu benennen. Als 1977 vor allem
in England PUNK und NEW WAVE explodierten, sprang der Funke
unangepasster Musik von der Insel auf den europäischen Kontinent über.
Er traf in Deutschland (DAF, Der Plan, Fehlfarben, Einstürzende
Neubauten u.v.a.), Österreich (Pöbel, Tom Pettings Hertzattacken,
Chuzpe, Minisex, Willi Warma, A-Gen 53 u.a.) – und eben speziell auch in
WIENER NEUSTADT – auf offene Ohren, mutige Nachahmer und willige
Empfänger. Spätestens 1980 dampfte es in diversen Wiener Neustädter
Kellern. Musik musste sein. Kunst kam nicht von Können, sondern aus
tiefstem Herzen. Handwerkliche Virtuosität erschien eher hinderlich. Die
hiesigen Protagonisten reüssierten dennoch und veröffentlichten eine
Handvoll Tondokumente auf Labels wie Panza Platte und Schallter (einem
Sublabel der Majors BMG/Ariola). Dennoch: bereits 1982 zerbrach das
Triptychon der Vorzeige-Bands X-BELIEBIG, DÄMMERATTACKE und ZERBRECHLICH
(sic!)
Ab 1983 ertönten neue Band-Projekte von Proponenten aus der
„Gründerzeit“. Der Freundeskreis im Umfeld der Bands vulgo „Die Szene“
wuchs. 1985 ging es erneut auf die Kleinkunstbühnen, die die Welt
bedeuteten. Die Neustädter Fans scheuten weder Kosten noch Mühen, um
ihre Bands (BATES MEN, ZIP GUNS, UNITED LOVE AFFAIRS) live zu sehen und
abzufeiern. In Ermangelung heimischer Auftrittslokale (Ausnahme:
SNACK-BAR WRENKH) wurden nahe liegende Kulturstätten und Lokale wie etwa
die CSELLEY MÜHLE (Oslip), der MARTINSHOF (Eisenstadt), KUCKUCK
(Neunkirchen) und KAMAKURA (Oberwart) und im nächsten Schritt auch das
U4, die ARENA und das CHELSEA im nahen und doch so fernen Wien gefunden,
gekapert, gefeiert und – im wahrsten Wortsinn gründlich – bespielt.
Die Wr. Neustädter Truppe wurde so nicht nur bei den Gastronomen
zur Legende, sondern auch zu einem medial zitierten PHÄNOMEN. In
Hundertschaften zogen die Fans damals quer durch die Bundesländer bis
nach Vorarlberg, im Tross von The Bates schließlich auch nach
Deutschland, Italien, die Schweiz und durch die damals noch
kommunistischen Nachbarländer Ungarn, Tschechoslowakei und Jugoslawien.
„Die Neustädter kommen!“ hieß es bis Mitte der 90er! Wie das klang, wer
welche Rolle spielte und welche Auswirkungen der musikalische,
ideologische und hedonistische Zeitgeist jener Jahre bis heute zeitigt,
ist hier (und auf Film bzw. DVD) explizit festgehalten.
Mehr noch: im Rahmen des Projekts UND ES FÄNGT VON NEUEM AN...
trafen sich einige Protagonisten der damaligen Szenenbands wieder,
ließen sich vom Glanz und Glitter der eigenen Vergangenheit betören,
ohne die dunklen Kapitel – und die gab es in der „depressiven Ecke“
(Werner Geier, Ö3- „Musicbox“) zuhauf – zu verdrängen, und beschlossen,
das Liedgut jener Ära einer Gegenwartstauglichkeitsprüfung zu
unterziehen. So entstand zusätzlich zur konzentrierten Historiensammlung
von „UND ES FÄNGT VON NEUEM AN...“ ein zweites Album. Fünfzehn Songs
von drei der erfolgreichsten Wiener Neustädter Bands der frühen 80er
Jahre (X-BELIEBIG, DÄMMERATTACKE und BATES) werden ausschließlich von
ehemaligen Musikern dieser Bands nochmals inspiziert und interpretiert.
Das Vehikel für diese Neuaufnahmen nennt sich bezeichnenderweise
TOTGEGLAUBT.
Kann man den Spirit von Punk und New Wave wieder beleben? Den
neongrellen Zeitgeist jener Tage mit dem dunklen Schlund der Gegenwart
verbinden? Ewig seine Jugend verschwenden? Man höre, fühle, urteile
selbst. Die Totgeglaubten, so unser Urteil, sind quicklebendig. Und
haben viel zu sagen, ohne Sagen zu erzählen. Rock’n’Roll!
Walter Gröbchen/Thomas Guth


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