Running Around (2011)
Riverside Tales (2019)
Mit „Riverside Tales“ meldet sich Stootsie als Solo-Artist nach längerer
Pause wieder mit einer Handvoll Songs zurück, die die lange Wartezeit
mehr als wett machen.
Immerhin ist das Solo-Debüt “Running Around” von Michael „Stootsie“
Steinitz 2011 erschienen und wurde in knapp 14 Tagen unter Dach und Fach
gebracht.
Stellt sich die Frage, wieso es nun mit „Riverside Tales“ so lange gedauert hat?
Stootsie, der mit The Seesaw immerhin auf mehr als 17 Veröffentlichungen
zurückblicken kann, kann das auch nur ungefähr erklären. Im Grunde habe
es drei Jahre gedauert, die Songs im Laden (Stootsie betreibt unter dem
Namen „Riverside“ wohl den Gitarren-Shop in Salzburg) zu schreiben, nur
gab es neben der Idee „die Songs lose im Shop zu schreiben“ auch jene
Ideen, die sich „nie so richtig finalisieren wollten“.
Schließlich wurden aber letztes Jahr die Arrangements am Computer
aufgenommen und Mixe angegangen. Wobei der Computer für Stootsie eine
Prämiere darstellte, aber vor allem als Arbeitstool fungierte. „Ich geh
damit nicht anders um, als wie mit
einer klassischen Mehrspur-Tonbandmaschine. Deshalb hört man auf den
Aufnahmen auch jede Menge Outdoor-Geräusche“.
Und deshalb gibt es auch kein hörbares Herumgefrickel am Computer. „Da
ich die Songs ja auch Live Solo präsentieren möchte, bestand die oberste
Prämisse darin, dass sich jeder Song auch alleine mit einer akustischen
Gitarre funktioniert.“
Es war schon immer ein Kennzeichen großer Kunst, die eigenen
Befindlichkeiten (Liebe, Trauer, Hoffnung, Verzweiflung) nicht als
Quellen, sondern als Themen der jeweiligen Annäherungen, Ausarbeitungen
und Analysen dessen, was gemeinhin „Leben“ genannt wird zu verwenden.
Nicht umsonst gilt gerade für Stootsie die alte Pop-Losung des „Bigger
Than Life“ (auch und gerade dann und dort, wo die Sonne gerade nicht
scheint, mal Pause macht, sich hinter Wolken verbirgt).
„Das wirklich einzige Format, welches mich interessiert, ist der ideale
Pop-Song“, so Stootsie auf die Frage, nach dem Wieso und Warum seines
Schaffens.
„Aber es war auch wichtig und in gewisser Weise herausfordernd, zur
gelegentlichen Schwere der Texte eine Musik zu finden, die das dann
wieder auflöst.“, so Stootsie weiter.
Vielleicht ist es genau diese Art der Intimität, die hier dennoch groß
P!O!P! (und nicht Singer/Songwriter) schreit, die die „Riverside Tales“
zu einer so positiven wie zwingenden Abwechslung zum hohlen Pathos all
der Mitsing-Refrains für die Mehrzweckhallen und Stadien dieser Welt
macht.
Hier stecken in jeder Nummer soviel kleine Details, dass einem dabei fast schwindlig werden könnte.
„I Am Yours“ sinniert mit herbstlich anmutenden Keyboards und leicht
vergilbten Farben (aber in Cinemascope!) über vergangene wie erneut
kommende Sommer nach (Motto: „Many roses had to die, but all the flowers
will return“).
Ähnliche Stimmungen finden sich auch bei „The Reason“ (zur alten Frage,
ob das Licht am Ende des Tunnels nun ein Zug oder doch die Sonne ist),
beim geradezu exemplarischen Kitchen Sink-Drama „The First to know“ mit
seinem abgeblätterten Glamour sowie beim von Goblins und anderen Plagen
einer „memory of pain“ heimgesuchten „Now and then“, wo es wiederum um
großes, melodramatisches Kino (statt um eine Reality Show) geht (und
auch hier die Hoffnung im Sinnes eines „And every now and then I still
search the sun“ zuletzt sirbt)
Diese Umkreisen einer Handvoll Themen funktioniert auch deshalb so gut,
weil sich hier niemand mehr etwas beweisen muss, sich dabei aber weder
zwanghaft beschränkt, noch zu viel von dem zeigen will, was alles (noch)
möglich wäre.
So erinnert zwar „Take you in“ an beste (britische) Pop-Kunst, zeigen
aber Songs wie „All you’ve left behind“, „Anyway no way“ und „Let me
know“, dass hier nicht nur jemand sämtliche Sixties-UK-Revival-Phasen
schon lange hinter sich gebracht hat (viel eher klingen
Post-Sixties/Pre-Eighties-Melancholien durch), sondern sich dann auch
noch weigert versiert-abgeklärte Musik für ältere Semester zu machen.
Stootsie will das einfach nicht gelingen (ob er es nicht kann ist eine andere Frage).
Selbst die „Bigger Than Life“-Opulenz von „Drift away“ kommt gänzlich ohne Überfrachtung, ohne Mehrspur-Overkill aus!
Genau diese Reduktion offeriert hier genau jenes Mehr, welches einem
regelrecht in die einzelnen Songs hineinzieht, ohne einem dabei zu
erdrücken.
So verwundert es auch nicht, dass ausgerechnet ein zugiger Transitraum wie „The Railway Tavern“ zum quasi besten Ort zwischen
Herbstnebel, Milchglashimmel und Backsteinbauten wird (wobei bei „Wall
of sound“ dann das Meer/der Strand diese Rolle übernimmt) und
einem wenn alle Stricke reissen dann doch immer noch wie bei „I Dance“ der nächtliche Tanzboden als Paradiesersatz dienen kann.
Weil nach all diesen Passagen kann der Himmel immer noch voller Streicher sein und „Everybody loves you“ singen.