Ich Kenne Kein Weekend
Es ist ein dunkles, tiefes Pochen in der rechten Schläfe. Die Nacht war
lang, der Morgen ist zu kurz. Und trotzdem, das Herz ist irgendwie
leichter. „Mein Geist war befreit von der Körperlichkeit“, sind nach
fast einminütigem Intro die ersten Zeilen, die Georg Nöhrer, Sänger von
Yukno, im Song „Sonne“ dem Mikro mitteilt. Man sieht ihn dort sitzen,
hinter sich der Berg an Erfahrungen, es sind nicht nur gute dabei.
Yukno waren früher
Neodisco,
eine noch schülerhaft gegründete Spaß-Truppe, nach eigenen Aussagen
zwischen Club und Zeltfest oszillierend, Musik, die am besten zu einer
starken Mischung Cola-Rot schmeckt.
Und
auch, wenn das nicht das Nationalgetränk ist, hat es breitenwirksam
funktioniert, Sony Austria hat mit Stift und Vertrag um Autogramm
gebeten. Die anfangs noch vier, dann drei Mitglieder von Neodisco
schlagen ein, was will man mehr, aus der steirischen Provinz hinauf auf
die Bühnen immerhin des Landes, der Bundesländer. Unbedarft, so erzählen
sie später, man wollte eben einfach spielen, und hinaus in die Welt.
In
Nachhinein betrachtet, war Neodisco, trotz bunter Schweinwerfer,
Heurigenbänke und garantierter Eskalation immer schon ein Projekt mit
Ablaufdatum. Yukno heben sich 2015 aus der Asche des Schulbandprojekts,
als Mitglieder bleiben nur die Brüder Georg und Nikolaus.
Und das
soll auch der neue Sound sein: Ehrliche, direkte, unaufdringliche Musik.
Schon auch noch für den Dancefloor gemacht, aber gleichzeitig für die
stillen, einsamen Gedankengänge. Auch auf der Bühne wird getauscht, die
Texte schreiben die beiden zwar gemeinsam, Nikolaus schenkt seine
Aufmerksamkeit live aber jetzt vermehrt den Synthesizern statt dem
Gesang.
Klingt nach Yukno
„Wo das Leben sich dem Schicksal fügt, bist
du endlich angekommen“, heißt eine Zeile im Song „Land“. Ihre Sprache
haben Yukno dem Österreichischen dezent entfernt. Was soll’s, die
Festivalbühnen sollen auch im Nachbarland erobert werden, und dieser
Plan wird wohl aufgehen. Direkt, klar und poetisch trägt mehr die Stimme
als die Melodie die Songs in abgeklärter Monotonie durchs Album. An
ihrer Seite ein Bass, der nie zur Ruhe kommt. Der anfangs ungeplante
minimalistische Ansatz, die Songs um ihn herum zu konzipieren, hat sich
als Glücksgriff erwiesen, und das nicht nur, weil der E-Bass ein so
herrliches Live-Instrument ist. Er erinnert an einen
klopfend-knirschenden Holzfußboden, auf dem man mit schweren Stiefeln
dahinstolpert. Er prägt die Musik von Yukno und ist ein erdiger
Signature Sound, auf den sie stolz sein können. Einer, der vielen Bands
gerade anfangs fehlt.
Das ist Indie-Pop
Was Yukno jetzt machen ist Indie-Pop. Nicht nur dem Genre-Begriff entsprechend, sondern wirklich
indie,
independent. Den Major-Deal haben Georg und Nikolaus Nöhrer - samt
eingerosteter Disco – mit einem letzten, freundschaftlichen Handschlag
abgegeben. Jetzt entscheiden sie selbst über Songauswahl, Releasedatum,
Bühnenoutfit. Wieder zurückeroberte Entscheidungshoheit, die Hand in
Hand mit dem Prozess geht, den sie als „das Herauswachsen aus der
Pubertät“ beschreiben.
Bei Yukno fließt viel zusammen, die
Banderfahrungen, aber auch das eigene Erwachsenwerden. Große Helden der
österreichischen Texterei wie Ludwig Hirsch, der seines Zeichens sogar
ein guter Freund von Papa Nöhrer war, treten aus Kindheitserinnerungen
wieder nach Vorn ins schreibende Bewusstsein. Und texten, das können
Yukno: klar formulierte Gefühlsfetzen, das große Drama klein gemacht,
für jeden und jede, präzise, direkt, aber eben wie geplant, angenehm
unaufdringlich.
„Das ist mehr als ein Tanz, ich sprech’ zu meinen Göttern“, schon ein
älteres Beispiel, Yukno haben schon 2015 und 2016 je eine EP
veröffentlicht, die sich soundmäßig dem Anfang Februar veröffentlichten
Debütalbum „Ich kenne kein Weekend“ angenähert hat. Jetzt ist Yukno so,
wie sich die beiden Musiker das vorstellen.
Wochenende, seven days long
Der
Titel „Ich kenne kein Weekend“ klingt nach einer neuen Hipster-Bar,
gemunkelt wird über Joseph Beuys-Referenzen, der eine seiner
Installationen gleichnamig betitelt hat. Yukno sehen sich nicht als
große Kunstkenner, aber sie kennen ihre Kunst: so machen sie aus Beuys’
Gedanken ihre Systemkritik. Einerseits ist es ein Abgesang auf das Leben
im 40-Arbeitsstunden-Hamsterrad, das das Glück auf zwei Tage limitiert.
Es ist aber auch Ausdruck dessen, wie Yukno mit ihrer Muttersprache
arbeiten. Das holprig Denglische stellen sie dabei bewusst und plakativ
in den Vordergrund.
Die
erste veröffentlichte Single unter dem neuen Bandnamen Yukno, „Feuer“,
entsteht noch in gerechter Aufteilung zwischen englischem und
deutschem Text. Auf „Ich kenne kein Weekend“ ist außer dem begehrten
Wochenende so gut wie nichts Englisches mehr zu hören. Yukno verwenden
die Sprache, wie sie eben im
everyday life funktioniert, und wer hat da nicht schon mal ein „Alright“ oder „Whatever“ verwendet.
Schon
der Bandname selbst liest sich wie ein akklimatisiertes Fremdwort. Da
passt es gut, dass auch der Song „Yukno“, mehr gelesen als gesungen von
einer nicht näher benannten Frauenstimme, den Namen in ein „You know“
hineinverwischt. Man wird erst spät, oder überhaupt nicht dahinter
kommen, dass es sich eigentlich um ein auf Koreanisch eingesprochenes
Gedicht handelt.
Die Stimme wird am Album nur dieses eine Mal
getauscht, die Erzählperspektive dafür umso lieber. Auf „Blut“ etwa, so
rot und heiß und schön wie die Liebe, um die es auch geht. Ein
romantisches Szenario. „Blut“ schleicht sich an wie ein Krimi, gedreht
draußen, vielleicht in Donaustadt, in dichtem Nebel. Die Tatwaffe:
emotionaler Abgrund. „Ziel’ auf mein Herz und dann füll’ mich mit Blei.“
- Es ist das geliebte Opfer, das hier erzählt, und es sitzt genau in
der Schusslinie.
„Ich kenne kein Weekend“ ist nicht nur ein zeitgemäßer Titel. Auch die
Band trifft damit einen schon juckenden Nerv. Yukno haben für ihr
Debütalbum eine persönlich und musikalisch spannende Schwelle
überwunden. Im passenden Jargon: Auf nach Tomorrowland.