The Tangerine Turnpike – Transmission Tiffany (2011)Psychedelic jam band hippie folk dance blues retro punk country indie lounge electro infected rock ‘n’ roll. Ja, es gibt ihn auch im Rock’n’Roll – den kategorischen Imperativ:
“Bretter einen Song so kompromisslos dahin, dass auch der letzte
Einzeller im Universum versteht, dass Rock kein rechtsdrehendes
Diät-Jogurt ist!” Deswegen spielen ihn The Tangerine Turnpike gerne fett und funky. Als Salzburger starten sie mit ihrem Transmission Tiffany
gleich ab Sekunde 0,001 eine fetzige Attacke auf süßliches
Mozartkugel-Gedudel und schleimiges Smalltalk-Gewinsel. Das
gitarrenschwere Quartett ist eigentlich und soundso in Motor City
Detroit zuhause – dort, wo die Architektur auf Abbruch und Wildwuchs
scharf ist.MC5, Mitch Ryder und die Stooges hätten ihren hartgesottenen Spaß an
TTT gehabt: die Gitarren so tief wie möglich gelegt, der Sound wie eine
Big-Block-V8-Maschine, Feuerwasser brennt sich seinen Weg durch die
Einspritzanlage. In Zombie Dust geben sie Vollgas bei gezogener
Handbremse, lassen sich Synthie-Sounds in Gitarrenlicks verbeißen und
knallen in Zeitlupe in eine Wall of Sound. Abgehackte Grooves tanzen in
Kill the Stag mit am Irrwitz vorbeischrammendem Gitarrenprügeln. Fix und
fertig in 2 Minuten. Jede gesparte Sekunde zählt doppelt: Zeit ist
Rock’n’Roll. Mit Pink Banana Boogie heizen sie den Tanzboden schon mal
vor und bringen den Chicken Shack zum Kochen. Die Königsdisziplin heißt
im Rock immer noch: wie der Teufel in Tanzbein und Hüften fahren. Mit
This Electricity schieben sie sich lässig die Krone ins Genick. Freakout
auf der Tanzfläche. Die Regler stehen Anschlag auf noise und beat as
beat can. Bis zur totalen Verausgabung. Dreschen in die Luftgitarre ist
verdammt nochmal erlaubt! Headbangen mit dem Holzboden auch. Das
Haupthaar geschüttelt und das Hirn zu Brei gerührt.

Paul Divjak – Science Fiction Pocket Museum (2012) Nach a glimmer of hope, rauschgold, aural siesta und money präsentiert der Multiformat-Künstler Paul Divjak
wieder eines seiner feinen elektronischen Konzept-Minialben. Das Thema
diesmal: das Space Age, die Zeit der obskuren SciFi-Trashfilme und der
Faszination über fremde Planeten und entfernte Welten der Zukunft. Wie
der lange verschollene Soundtrack eines abgefahrenen Late-Night-B-Movies
der 50er Jahre klingt das aus den Lautsprechern, was Paul Divjak
gemeinsam mit Mix- and Master-Mind Hans Platzgumer hier produziert hat.
Es knarzt und piepst und rauscht aus den verstaubtesten Ecken des
Universums. Kosmische Hintergrund-Drones – Beauty survives, wie Captain
James T. Kirk völlig richtig erkannt hat!
Sweet William Van Ghost – For God And Christoph Marek (2013)Freak Out, Bitches Brew, London Calling, Trout Mask Replica, Zen
Arcade, Electric Ladyland … wenn die Töne & Textschleifen im Kopf
explodieren, sind A-Seite & B-Seite einer 12-Zoll-Vinyl-Schallplatte
einfach zu eng gesteckt. Dann ist die Königsdisziplin Doppel-Album
angesagt.Das cranky universe des Schwarzen Prinzen der Wiener Musik-Szene – Sweet William van Ghost
– in vier Vinyl-Seiten reinzupressen war für Konkord die
Herausforderung des letzten Jahres. Herausgekommen ist For God and
Christoph Marek – ein radikal solitäres Album, das in der
österreichischen Musiklandschaft steht wie der Monolith aus “2001: A
Space Odyssey”. Eine melodiöse Folterkammer mit Piano und bizarren
Soundskizzen, ein melancholischer Folterknecht, der keine Gefangenen
macht: “The kids ain’t allright // So let’s fucking shoot them all”.
Grausamer Schmerz zum Mitpfeifen. Hier ist nichts lau. Hier geht’s immer
ums Ganze. “I’m so full of love // And it’s all for you” – was beim
Befindlichkeitssongwriter von nebenan nach Fertiggericht aus dem
Gefühls-Plug-in klingt, schmeckt bei Sweet William van Ghost nach Lust,
Gefahr & Chaos.Dabei verschwimmen Grenzen von Genres und lösen sich auf. Chanson?
Pop? Elektrofrickelei? Exorzismus? “Porn is art.” Musikalisches
Borderlinertum kombiniert mit der Grazie eines im dunklen nordischen
Winter abgedrehten Schwedenpornos. Hardcore mit Seele. “Music is for
dreamers // I don´t dream anymore” – dort, wo die Musik aufhört, beginnt
For God and Christoph Marek erst. Phantastisch.

The Pet Goats – Cartoons (2012)Es gibt Bands, die schmecken nach parfümiertem Vollbad und stundenlanger Session vorm Handspiegel. Never ever!, rotzen The Pet Goats.
Noise und Trash sind die einzigen Geschmacksverstärker dieser Band aus
dem angefaulten Big Apple. Gitarren prügeln eine Handvoll Akkorde zu
einem hypnotischen Soundteppich. Der Rhythmus rumpelt, als hätte der
Schlagzeuger den Beat auf den Küchengeräten von Velvet Undergrounds Mo
Tucker gelernt. Man muss nicht Punk sein, um Punkrock zu machen. Denn
wisse: Weniger ist viel mehr, wenn du wirklich was zu sagen hast.
Kuscheltiere sind The Pet Goats keine. Aber das Zeug zur Lieblingsband
haben sie allemal.
Bonanza - We Never Die At Home (2012)
Das Wiener Elektronikduo bonaNza präsentiert mit we never die at home seinen frischen Clubsound aus unkonventionellen und virtuosen Beats und Samplingarbeiten. Fließend
koppelt bonaNza kargen Minimalhouse mit Noise und Industrial, kantige
Techno-Beats mit verträumten Filmmusikversätzen, oder fröhliche
Reggaeton-Rhythmen mit düsteren, angezerrten E-Gitarrensounds. Vertraute
Stimmungselektronik erscheint dabei in einem völlig neuen Kontext. Seit
2006 treten Eberhard und JSX, zwei
Altbekannte der Wiener Musikszene, als bonaNza sowohl auf Tanzflächen
wie auch auf Kunstfestivals auf. Sie schaffen mit diesem Projekt
Genre-Mixes und Neuentwürfe einer Clubmusik, die trotz ihrer
Verspieltheit nichts an ihrer Tanzbarkeit einbüßen.
Alexander J. Eberhard – viola, electronic devices
JSX aka Jorge Sánchez-Chiong – turntables, electronic devices
Lorelei Lee - Teddy Toys (2012)Betörende Bilder stellen sich beim Hören von Lorelei Lees neuem Album TEDDY TOYS ein. Die Sängerin Sonja Romei, der Elektroniker/Gitarrist Palme und ihre Mitmusiker Julian Preuschl, Jakob Schell und Jakob Kovacic
haben eine cineastische Art Musik zu machen für sich gefunden, die
einen sanft aber unwiderstehlich mitnimmt – auf die Reise in eine
faszinierende Zwischenwelt aus Vaudeville-Verlockung,
Broadway-Extravaganz, Jazzclub-Intimität, Dancefloor und
Elektronik-Klanglabor.Die leidenschaftliche und noble Diseuse Sonja Romei erzählt mit
lasziver Stimme Geschichten aus einem verspielten, glitzernden
Mikrokosmos zwischen Hinterzimmer und großer Bühne. Mit sicherem Gespür
fürs Arrangement und einer stilvollen Vintage-Klangästhetik zaubern
Lorelei Lee aus charmanten Grooves, eleganter Instrumentierung und
elektronischen Klängen ihre reduzierten und doch so reichen Atmosphären
und Songs.Perfekt hingehauchte Chansons, Downbeat-Pop mit viel Jazzappeal,
verblüffende elektronische wie instrumentale Details und die
hervorragende Produktion von Rene Kornfeld und Patrick Pulsinger
erzeugen einen Gesamtsound, in dem die Grenzen zwischen gespielt und
programmiert zusehends verschwinden. Kongenial der Gastauftritt des
großartigen Crooners David Kleinl (Tanz Baby!) auf dem nonchalant-fiesen
Track “Mann Deiner Wahl”. Und als passenden Abschluss gibt’s eine auf
die Essenz reduzierte, hintersinnige Version des
Hildegard-Knef-Klassikers “Für mich solls rote Rosen Regnen” – könnten
Sie da widerstehen?

Bee Pop (Paul Divjak & Wolfgang Schlögl) – Team Tool Time (2012)Bee-Pop-A-Lula, you´re my honey!
Zwei Dirigenten und gut 100.000 Musiker – solch ein großes Orchester
gab es wohl noch nie zuvor in der Geschichte des Field Recording. Die
beiden Künstler Paul Divjak und Wolfgang Schloegl bilden zusammen das Team Tool Time,
verpflichtet der angewandten Klangforschung an der Schnittstelle
zwischen Alltag und Kunst. Für das erste Album des Teams wurde im Sommer
2012 der Lebensraum der Apis mellifera, also der westlichen Honigbiene
besucht.Das beiden Künstler im Imkergewand, die Stöcke mit hochsensiblen
Mikrofonen verwanzt und 100.000 Bienen lautstark bei der Arbeit:
erstaunliche Klangwelten aus dem Mikrokosmos der Drohnen, Arbeiterinnen
und ihrer Königin!
Nach getaner Klangernte wurde das vielstimmige Summen, Brummen,
Schwirren und Kommunizieren mit den Geräuschbeigaben der
Imker-Gerätschaften zu einem faszinierenden Bienen-Soundtrack
verdichtet.Bienen-Beats und Drohnen-Drones, buzzing, buzzing in your head!
Paul Divjak, Autor, Künstler, Kulturwissenschaftler
Wolfgang Schlögl (aka I-Wolf), Musiker, Komponist, Produzent
Wintergarten - Wintergarten (2013) Musik aus dem finsteren Herzen der bayrischen Seele
Satter bayrischer Dialekt auf einem Wiener Platten-Label? Ja dürfen’s
denn des? Und wie sie das dürfen! Denn der Tod ist zwar ein Wiener,
aber das Sterben beginnt schon in Bayern. Schon der erste Song des
Albums ist eine Hymne an die Lebens-Müdigkeit: Mia san miad. Nach ein paar Minuten zieht das Münchner Duo Wintergarten, das sich aus dem gebürtigen Chiemgauer Andreas Moosmüller und Oliver Lichtl zusammensetzt, schon das gnadenlose Resümee: „Ois hamma gsehgn / und nix hamma gspürt / aber jetzt samma miad“.
Mit letzter Kraft wird noch der Drumcomputer eingeschalten, und das
Unfassbare geschieht: Mit Rhythmus klingen Wintergarten noch
desperater! Electro trifft auf getragene Dorfkapellen-Bläser in slow
motion. Die oft in tiefem Timbre gehaltene Stimme singt von
Vergänglichkeit, Einsamkeit und Sehnsucht. Knarziger Bontempi-Sound
schultert sich mühselig empor schraubende, fast sakral anmutende
Passagen. In düsteren Musikschleifen verfangen sich schwermütige
Textfetzen in bayrischer Mundart. Eiseskälte zum Mitsummen. Stubenmusik
im Angesicht des letzen Gerichts. Da schickt uns Wintergarten auf die
„Bluadwiesn“, stimmt uns ein „Requiem“ an und zimmert uns einen „Sargg“. In Schubladen lassen sich die düster-grauen Songs nicht einordnen.
Der Geist von Ludwig Hirsch und seinen „Dunkelgrauen Liedern“ grüßt aus
weiter Ferne, die Experimentierfreudigkeit von Attwenger wird
aufgegriffen und an manchen Stellen fühlt man sich gar an die
morbid-düsteren Klangwelten von Portishead erinnert. Und was oft so
klingt wie nebenbei hingeklimpert, erweist sich als teuflisch gut
arrangiert: Jeder Sound sitzt, jede Melodie pickt und lieber einen Ton
zu wenig als zu viel. „Wennts moants ihr habts mi kennt / dann habts eich sowieso teischt“. Irgendwie
hört man dabei auch alte Volksmusik, in Zeitlupe ächzend, vom Schicksal
gerädert, heraus. Aber das passt schon. Denn das Volk, das hatte auch
noch nie was zu lachen. Und der nächste Frühling, der kommt bestimmt.

Protestant Work Ethic – Rush For Second Place (2013)Mit so viel sympathischem Hohn wurde dem wahnwitzigen Effizienzdenken
selten eine reingesemmelt. Denn dass sich eine derart relaxte und
verspielte Combo “Protestant Work Ethic” nennt, zeugt
von subtiler Ironie & der einzig richtigen Sicht auf die Welt. Das
Geheimnis zeitloser Songs? Simon Usaty & seine Mitarbeiter
praktizieren es: sich Zeit nehmen und genau in sich hinein hören.
Mollige Weihnachtsbläser geben die Staffel in aller Ruhe weiter an ein
Banjo, das über Stock und Stein hüpft. Dabei trifft es auf verstreute
Choristen & Harp-Töne, die sich alle mit auf den Weg machen, um dem
weiten Horizont hinter die Kulissen zu schauen. Ankommen heißt
weiterschlendern – auch wenn in den Songs gern mal ein Gang zugelegt
wird.Große Gesten werden hier nicht zelebriert, sondern tauchen nebenbei
auf. Folk, Pop oder Americana mit einem kräftigen Schuss Wiener
Melange-Melancholie? Ja, das auch. Aber noch viel mehr. Protestant Work
Ethic schenken uns mit Rush For Second Place eine akustische
Foto-Collage mit ins Pastell verwaschenen angegrauten Momentaufnahmen,
die unaufdringlich aber dafür umso dauerhafter in den Gehörgängen ihre
Zelte aufschlagen.

Tschok - Tschok EP (2013)Eine Flaschenpost aus dem Reich vergehender Geister.
Was ist eigentlich ein Tonträger? Rillen verpackt in einem
Kartonumschlag? Nicht nur. Ein Statement? Ein Versprechen? Das auch.
Manchmal ist ein Tonträger so etwas wie eine Flaschenpost. Wie dieses
Debüt in Vinyl, das Konkord jetzt entkorkt. Der Geist aus der Flasche
namens Tschok schwebt in den glory days des Pop: Synthesizer vibrieren
und fiepen als gäbe der Electro-Wave der 80er-Jahre sparsam Morsezeichen
aus dem Winterschlaf. Und auch die Nonchalance, mit der Michael Lahner
einen Hauch von schaumgebremsten Pathos in seine Stimme einschmuggelt,
erinnert an die ganz großen Popbands dieser Zeit – ohne danach zu
klingen. Das Geheimnis von Geistern ist ja schließlich: dass sie da sind
und doch nicht da sind. Aber sind Geister nicht auch nur Skizzen? Mit
diesen vier Songs gelingt Tschok das Kunststück, bei minimalem Aufwand
vier vollendete Entwürfe vorzulegen.Bei “Ikebana” wird entspannt ein lässig treibender Groove aus dem
Ärmeln geschüttelt, der auch Schildkröten mit Faible für Postrock zum
Swingen bringt. Und “The Slumber” zerfasert gegen Ende so wunderbar
melancholisch, man möchte sich mit Zeitschleifen in diesen Song
verlieren, nur um die letzten Zeilen immer aufs Neue summen zu können.
Diese EP ist eine Flaschenpost aus dem Geisterreich der Zwischentöne.
Denn nicht alles, was das Ohr erfreut, muss gespielt werden, damit es
auch klingt. “Ach du lieber Tschok. Die Abenteuer eine Dohle in einem
oberbayrischen Dorf.” – so lautet der Titel eines alten Kinderbuches.
Was haben Dohlen mit diesem Sound zu tun? Rätsel über Rätsel.

The Pet Goats – Operetta (2013) Mopedrock!! - Virage (2014)
Pfiffiger Garagenpunk – Mopedrock!! und die Jagd nach dem Noise in der Melodie.
Roooooar! – grölten einst schwer die aufgemotzten Maschinen der “Easy
Rider”-Leibgarde. Dem setzen jetzt Mopedrock!! charmant und laut ihr
Shooobidooobidooo! entgegen und knattern damit gleich auf der
Überholspur los. Und statt auf schwere Bikerstiefel und Fransen setzen
sie auf La France und lässige Sonnenbrillen. Kein Wunder, dass sie 2011
mit ihrem grandiosen Debutalbum “Vasistas”
(KONKORD 057) eine furiose bombe surprise zündeten: Rau und schlau
zugleich knallten uns die Chansons wie übermütige Straßenjungs um die
Ohren. Endlich wieder high energy Rock’n’Roll zum Mitpfeifen – Plastic
Bertrand schickt Tulpen. Geht’s noch schärfer? OUI!!! Die Wiener
Chansonpunkfanatiker schweißen auf ihrem neuen Album Virage (KONKORD
078) einfach einen fetten V8-Motor aufs petite Moped, kleben
Silvesterraketen drauf und geben mit dem Hinterreifen Gummi, bis er sich
rotzfrech durchs Tanzsaalparkett durchgräbt (Tipp des Hauses: Ca me
fait voler).
Jakob Ortis, Marlies Schläger, Nicoletta Hernández und Andreas
Leikauf haben fürs neue Album in die Hände gespuckt und noch ein paar
Schrauben fester angezogen: Avec Lässigkeit und Lockerheit schütteln sie
13 charmant funkelnde Songperlen aus dem Ärmel – inklusive
schönschrägen Gitarren, die wie bei L’arrache-bras mal wild, mal groovy –
Faut que tu viennes – um die Ecke schrabbeln. Trompete bei Place de
l’Étoile and more und Backgroundchöre fetten den Sound kräftig ein.
Damit bleibt er geschmeidig und flott. Wie das klingt? Fantastique, denn
dieses Moped fährt mit einem exzellenten Mix aus staubtrockenem
Champagner und hochprozentigem Pastis und fetzt Ohrwürmer wie Mme
Beauvoir und Sous la scène mit einem leichten Schwips auf die Platte –
und in die Discos. Bon!
A Colourful White - Change Is An Engine (2014)2014 Die ersten Sekunden entscheiden. Diese Hürde gilt es für jeden Song
zu meistern. Speziell seit digitalen Zeiten. Und besonders, wenn der
Absender ein noch unbeschriebenes Blatt ist. Nur wer es schafft, mit den
Anfangstakten einzuhaken, eine Punktlandung auf der Gefühlsebene
hinzulegen, braucht das Wegzappen des Publikums nicht zu fürchten.
Diesbezüglich können a colourful white absolut beruhigt sein. Mit
„Change Is An Engine“ ist dem Quintett aus Linz gerade ein Debutalbum
gelungen, das gleich mehrere solcher Songs aufbietet, die einen sofort
packen und bis zum Ende nicht mehr loslassen. Von akustischen Gitarren
und einem Piano getragen, treiben auf dem Album die Melodien mal munter
mal melancholisch dahin. Die bewussten Anklänge an die eine oder andere
englische Vorzeigeband der letzten Jahre verweisen dabei auf Quelle und
Pool aus dem A Colourful White freizügig schöpfen. Auf „Change Is An
Engine“ funktioniert das aus drei Gründen hervorragend. Erstens kann der
mit Travis, Blur & Co. sozialisierte Sänger und Songwriter der
Band, Gerhard Scheuchl, eigenhändig eingängige, eigenständige Songs
schreiben, die sich nicht verstohlen im Schatten besagter Bands
herumdrücken. Zweitens verfügt er obendrein über die perfekte Stimme
dafür. So appelliert er etwa in „Don’t Go Astray“ fallweise an die
Sehnsucht, während er in „Benny & the Bats“ nicht minder gekonnt auf
das Euphoriepedal drückt.
Drittens kommt zum Tragen, dass der Kern von
a colourful white den Trümmern einer lange dem Postrock zugeneigten
Band entstiegen ist. Die einstige musikalische Schwere wurde zwar
abgelegt. Die Eingespieltheit blieb aber erhalten. Und mit dem Piano von
Maria Feldmann kam exakt die Klangfarbe hinzu, die Scheuchl für seine
Art transparent und ideenreich arrangierter Songs unbedingt benötigt.
Das Ergebnis kann sich hören lassen. Von der ersten bis zur letzten
Sekunde.

Propella - Turn It On (2014)
Propella oder: In voller Fahrt aufs Riff knallen. Mit einem gut
platzierten Tritt in die Magengrube springt die knarrende Tanzmaschine
gleich beim Titelsong “Turn It On” an. Intensiv, unverblümt, spontan –
Sängerin/Gitarristin Babl Raketa verstörte schon mit ihrer Band
Pantskirt das Publikum mit ihrem Rock’n’Roll der völligen Verausgabung.
Da spürt der Zuhörer den rotzig-trotzigen Atem Polly Jean Harveys im
Nacken. Bei Propella fügen Nadine Abado (Gesang/ Bass) und Heike Mangold
am großartig verschleppten Schlagzeug dem Ganzen eine fette Dosis an
Lässigkeit und hinterfotziger Entspannung hinzu. “I put my dancing shoes on and I dance” – aus der gefährlichen
Kampfansage der Generation Disco schnitzen Propella im Song Dance mit
schartigen und gleichzeitig messerscharfen Gitarren die heimtückische
Eleganz eines Schlagabtauschs von räudigen Katzen auf dem heißen
Blechdach. “Swim on the top of the wave before it breaks” – eine Songzeile als
Gebrauchsanweisung. Keine Zeit für Kompromisse, viel Zeit für glänzende
Schnappschüsse. Stimmen schieben sich aus dem Hintergrund nach vorne,
hebeln gekonnt das gekannte Soundgefüge aus, schrauben sich ins Ohr und
fluten wieder zurück. “Turn It On” ist nicht einfach nur eine lässige
Platte. “Turn It On” ist der Beweis, dass Zerrissenheit als Fahrplan
eine runde Sache ist.

Protestant Work Ethic - Are Wading In The Shallows (2016) The Good Library - Trails (2016)
Schallmauern einreißen und mit auf den Trip kommen – The Good Library „Trails“
„Welcome on board! Please fasten your seatbelts. Our pilots have already left the ground. Ein Jet zieht seine Linie.
Pflügt er über uns elegant durch den Wolkenozean? Oder knallt er wie
eine Spacerocket geradewegs Endstation All? Wohin nimmt uns Trails (Konkord 091) mit – auf welchen Wegen und Routen sind wir on air? Die abgefeimten Flugkapitäne der in Wien stationierten Psychedelic-Airline „The Good Library“ räkeln sich in ihrem Cockpit, legen die Füße hoch – und schieben sich ihre Pilotenbrillen vor die Augen: „Steig ein, schnall an, heb ab!“ Abflughafen Wien – mit wehleidigen Wienerliedern, sterbenskranken Schmonzetten haben The Good Library
nichts am Hut. Das englisch-amerikanisch-österreichische Quintett fräst
und hämmert sich intensiv und unbeirrbar seine ganz eigene Spielart des
Psychedelicrock – nachzuhören auf ihrem 2008er Longplayer Shhh! (Konkord 026). Wer an flower denkt, liegt falsch, wer an power denkt, liegt richtig: Trails
(Konkord 091) zeigt, was passiert, wenn schwer pumpender, urbaner
Dancefloor, repetitiv-grooviger Krautrock gemeinsam mit spacerockiger
Wall of Sound für denselben Flug einchecken. Die drei haben einen
Mordsspaß an Bord – und das hört man Trails in jedem einzelnen Moment
an. The Good Library haben ein Geheimnis, das sie den HörerInnen ins Ohr
eingießen: Gerade beim Psych-Freakout muss der Groove stimmen! Der fies
verschleppte Beat des Openers Ice Throat, der einen lässigen
Soundtrack für die Eröffnungsparty einer Opiumhöhle in Amityville
abgeben würde, oder die Coolness eines funky Money Runner bei Man on Fire. Groove is a state of mind. The Good Library
setzen zu einem Looping an, lassen sich in eine Soundcloud fallen –
eine Orgel schwebt durch den Raum – und landen straight auf ihren
Tanzbeinen. Mit Flight 19 ziehen The Good Library die Kiste hoch zu
einem mehr als sieben minütigen Steilflug ins Universum Spacerock –
flirrende Sounds, Echos von Lautsprecheransagen schwirren im Raum, ein
bluesiges Slide aus 100 Meter Tiefe ausgegraben startet den Wolkenritt
mit Destination Zeitlupenland. Die Gitarren schieben und brummen kurz
mit wie Triebwerke einer Boeing an. „We’re flying home“ – Heimat
als safety zone? Nach dem Song ist man nicht sicher, ob sich die Dinge
um uns nicht heimlich bewegen, wenn wir wegsehen. Mit Tantum geht Trails in den Landeanflug und startet,
wie es sich für das Energiebündel Psychedelic gehört, noch einmal durch.
Drums krachen sich ihren Weg, Soundscapes ziehen vorbei, die Voices
surfen im Welthall. Das ist ganz einfach großes Kino, was hier abgeht.
Vielleicht nicht die passende musikalische Untermalung des
Clown-Auftritts bei einer Kinderparty. Außer. Außer Tante Elsi stopft
ihm einen herzhaften Spacecake ins lachende Maul.

Loose Lips Sink Ships - Loose Lips Sink Ships (2017)
In-A-Gadda-da-Vida – 17 Minuten. Und keine Sekunde zu lang. Aber.
Wünschen wir uns wirklich Songs, die so lange dauern wie diese
großartige LSD-Operette? Mit Where’s My Love drehen uns Loose Lips Sink
Ships auf ihrem Debut in eine wundervolle Spirale von leidenschaftlichen
Chören, zarten Stimmen, warmen Bässen, simpler, aber raffinierter
Instrumentierung. Ein Song, der die Tristesse wie selten einer ohne
Kitsch in eine Hymne verwandelt. Und den man am besten mehrmals
hintereinander hören sollte, um all die Feinheiten, die sich in diesen
drei Minuten verstecken, schätzen zu lernen. Überhaupt ist dieses Debut
ein Fest der Stimmen. Gegründet von der Cellistin und Sängerin Meaghan
Burke, dem Songwriter Werner Kitzmüller, Multiinstrumentalisten David
Schweighart (Shrack, The Gore Gore Boys, Voodoo Jürgens) und von Simon
Usaty – der mit seiner Band Protestant Work Ethic bereits mehrere
Platten auf Konkord veröffentlicht hat – verschreibt sich Loose Lips
Sink Ships dem Abenteuer Gesang. Mit dem Geiger Matthias Frey (Sweet,
Sweet Moon) und der Künstlerin Mimu Merz stiegen noch weitere Members
auf das sinkende Schiff. Diese ganz eigene musikalische Mischung
bezeichnet dieses Kolllektiv selbst als Biedermeier-Punk. Befremdend auf
den ersten Blick, treffend auf den zweiten. Die Freude am Zerstören
eines Songs hört man im Mittelteil von Hatboy. Der Spaß am Subversiven
tropft aus Walzer in jedem Takt. Hunde kläffen, ein Cello rülpst in
Horses. Schnippschnapp, schnippschnapp. Punk bedeutet für Loose Lips
Sink Ships nicht, lautstark krachende Gitarren von der Kette loslassen,
sondern mit best mates in lockerer, neugieriger Weise etwas
ausprobieren, Grenzen ausloten, sich blind auf die Mitmusiker verlassen.
Dazu reichen oft eine akkustische Gitarre, ein Streichinstrument, ein
paar Töne vom Piano und einige loose lips. Simpel und fein. Punk is
beautiful. Denn wie im Opener Out die Stimme Kitzmüllers zuerst leicht,
und dann immer tiefer eingebettet wird in die der anderen, das hat nicht
nur Verve, das hat Intensität, die ins Herz zielt. Low würden kurz die
Instrumente beiseite legen, und Jason Peirce von Spiritualized würde
zufrieden den Taktstock heben. Womit wir wieder bei Psychedelic gelandet
wären. Oder einfach bei Musik, die mehr sein will als bloße
Unterhaltung. Soulfood. Warm Room wird von Simon Usaty beinahe nicht
einmal mehr gesungen, sondern nur noch gehaucht, und entwickelt mit
Hilfe einer Begleitstimme eine Energie, die lange nachzittert. Loose
Lips Sink Ships. Folk? Punk? Oder die biedermeierliche Lust an der
einfachen Hausmusik? Musik als gemeinsames Ankämpfen gegen die Zeit. Die
Weiterführung des Wienerliedes mit englischen Texten? Alles
gleichgültig, alles gleich gültig. Loose Lips Sink Ships ist das
Ergebnis, wenn verwandte Seelen miteinander Geschichten erzählen und
sich die Melodien dazu vorsingen. Und dann kann passieren, was uns von
Konkord beim Anhören der Songs passiert ist: Wir suchen das Schlupfloch
zu ihrem In-A-Gadda-da-Vida … And we all fall in love mit Loose Lips
Sink Ships.

Brainmanagerz – Brainmanagerz (2018)„An American in Vienna“ – Stephen Mathewson springt mit vollem Elan
in jede Wasserlache: Dreck, Energie, Krach, Melodie. Auf den fünf Songs
des Debut-EP der Brainmanagerz liefern
sich Noise-Godzillas und Feedback-Frankensteins ein Kopf-an-Kopf Rennen.
Listen to Miami Death Wish 2! Da jault es, brummt es, fetzt es.Stephen Mathewson hämmert mit Eloui am Bass und den Backgroundvocals,
Thomas Geldmacher an der Gitarre, Trompeter David Quigley und Dieter
Preisl (†) am Schlagzeugeinen kantigen Sound aus dem Felsen Noise Pop
heraus, der elegant in jede Ecke rotzt. Wer Spaß hat an Rock’n’Roll, der
kompromisslos die Treppen in den Keller runterbraust, wer schräge
Melodien schätzt – Brainmanagerz haben fünf heavy Säcke voll davon.
The Kinder - Tumultus Cras (2018)„Ja, bin dabei, spielen wir!“ – bevor die Ohren und Beine durch ein
knallbuntes und mit allen Wassern gewaschenes
Soundgroovefourtotheflooroderauchnicht-Universum mit
Warp-Geschwindigkeit geschossen werden, wird im Intro gleich mal der
Zünder eingestellt, der dieser neuesten Konkord-Release den fetten Boost
mit auf die Reise gibt. Das Dynamit heißt schlicht … Spielen. Spielen:
Ausprobieren, Experimentieren, Regeln kennen, Regeln brechen, neue
Regeln aufstellen, Langeweile abstellen, neue Situationen aufploppen
lassen. Spielen heißt auch Performen, die Crowd zum Shaken, Instrumente
zum Tanzen bringen. Kinder können Spielen am besten, und thE KindeR
allemal. „Der Sound von thE KindeR bei einem Live Konzert versprüht
einen „don’t give a fuck and have cosmic fun“ Charme, der sich genau so
schwer ohne Kompromisse auf Studioaufnahmen bändigen lässt, wie die
Improvisationen einer frühchristlichen Garagenband, die beim
Pilzepflücken im Wald das Tamburin gegen ein Casio-Keyboard tauscht.“
(Michael Kirchdorfer , The Gap). Dass es gelingt, beweisen sie gleich mal in Horror – straighter
Four-to-the-Floor knallt auf Orgelexzesse aus den tiefen Tunneln der
1970er Jahre. thE KindeR wischen und mischen den Schuppen auf, als gäbe
es kein Morgen Get up entpuppt sich als hibbelige Reminiszenz deluxe an
dancefloor classics wie Deee Lite, Paraden stolzieren nicht im
Stechschritt vorbei, sondern swingen sich die Seele raus, miauen und
flöten uns den fake Marsch. Froschchöre quaken zu Hiphop, springen in
den Tümpel called jazzy feeling, das Leben löst sich auf in
Blubberblasen. Groovy, verspielt, charmant vertrackt – das sind die
wichtigsten Bauklötze, die sich thE KindeR beim Spielen ständig
zuwerfen. Zuwerfen und Spielen wird in höchster Perfektion beherrscht.
Beispiel? Die Songbricolagen in Tide in Decay.Auch vokal gilt als oberste Devise: bombe surprise. Jazzdiva,
Punkrotzpippen, Catwoman – Christina Bachler zieht sich Kostüme und
Farben über die Zunge wie ein Chamäleon im Stroboskopgewitter. Und
Bachlers Querflöte? Die legitime Nachfolgerin der Rockgitarre, Aron
Tompa aka Aronizer rappt, tanzt und hämmert Klangkaskaden in ein Meer
voller Tasten. Er bildet die harmonische Sektion innerhalb der Band,
kitzelt synthetische Frequenzen aus Platinen heraus wie ein Hacker auf
Speed. Robert Duda aka Relups steuert nicht nur Vocals bei und
produzierte diese Tanzrakete. Als Percussion-Herz-Lungen-Maschine baut
er das Fundament für das KindeRhouse mit seinen vertrackten Spielereien
auf den Töpfen und Deckeln seiner Rhythmusküche. Aber stopp, weiter!
„What I deserve is not another perv!“, und rein geht es in die
Achterbahn namens New Age Love. Keine Räucherstäbchen vernebeln den
Beat, kein sanftes Gelabere verwischt den Song – „Hey honeybunny, let’s
do it!“ Exakt, let’s do it – mixen wir Dancefloor mit Krautrock.
Zersägen wir Pop und pressen jazzy Tunes rein. Punk? Punk ist das
sowieso. Be kind – and freak out!
Konkord - Das höfliche Label aus Wien ist ein 2004 in Wien
von den vier Freunden Matthias Kastner, Roman Mesicek, Wolfgang Reitter
und Joachim «Josh» Schnaitter gegründetes Label, das sich mit seinen
Veröffentlichungen an den Rändern der Popmusik bewegt. Beim Label wird
Wert darauf gelegt die Veröffentlichungen in der für den
Musikkonsumenten jeweils richtigen Form anzubieten. Dazu zählen
Veröffentlichungen als MP3s, auf Vinyl oder als CD. Die
Veröffentlichungen reichen von Ambient über Minimal Electronic bis zu Extended-Country und Noiserock. Am 1. Mai 2005 erschien mit Traveling Matt´s Musik zum Lachen das erste Album.
Bekannte Künstler sind unter anderem Hans Platzgumer und Karl Schwamberger alias die Laokoongruppe.
2010 erschien die 50te Veröffentlichung, die mit einer Label-Compilation, der KONKORD-Jubel-CD, gefeiert wurde.
Der Sampler kann nach wie vor kostenlos auf der Soundcloud Webseite von Konkord heruntergeladen werden.