Poplawok
Der Dialekt-Rebell
Der Schwimmer zeigt auf "Poplawok", wie Elektronik mit steirischem Dialekt harmonieren kann.
Auch Burt Lancaster ist ein Schwimmer. In dem Streifen "Der
Schwimmer" aus dem Jahre 1966 entschließt sich Lancaster als vom
Schicksal gebeutelter Vorstädter an einem Sommermorgen, durch die Pools
eines elitären Vorstadtbezirks von Conneticut nach Hause zu schwimmen.
Bei seinem situationistischen Ausflug wird Lancaster mit seiner
Vergangenheit, mit ehemaligen Liebschaften, mit Leidenschaft aber auch
mit Demütigung konfrontiert. Von dieser abseitigen Tour hat sich der
1982 nach Wien ausgewanderte Judenburger und Pop-Eigenbrötler Klaus
Tschabitzer inspirieren lassen und schon im Jahre 2001 für sein erstes
Lo-Fi-Elektronik-Machwerk "Neddy Merril" den Filmtitel als Künstlernamen
patentieren lassen.
"Das Schwimmen durch die Pools ist absurd, zugleich ein romantisches
Projekt mit einer tragischen Komponente", sagt Tschabitzer, eine
Beschreibung, die auch ganz gut auf seine Musik passt. Der Schwimmer
verbindet eine ungeniert im Dialekt gehaltene Vortragsweise mit
Versatzstücken elektronischer Spielereien und einer am Folk angelehnten
Songschreiberqualität. Diese Zugangsweise war bereits in den bisherigen
Bandprojekten von Tschabitzer, wie den Scheffenpichlers, den Tango Boys
oder der "trashigen Elektronik-Sitzgruppe" Salon Loisitschek, spürbar.
Eine derart österreichische Prägung haben bisher erst wenige dem
zeitgenössischen Underground-Pop verpasst. "Bei Attwenger konnte man das
erste Mal erfahren, wie Volksmusik noch klingen kann", sagt der
Traditionssuchende, dessen kompositorischer Mittelpunkt bislang eine
Hammond-Orgel aus den Sechzigern war. Wobei das mit der Traditionssuche
nicht einfach ist. "Vielleicht das Original Herberstein Trio aus den
Siebzigern, mitunter der frühe Ambros", kann Tschabitzer als schnelle
Anhaltspunkte nennen und fügt hinzu: "Heute versuchen sich daran auch
Leute wie Birgit Denk." Auch wenn für ihn früher Volksmusikanten
ausschließlich "singende Nazis" waren, so sollte man nicht vergessen,
sagt Tschabitzer heute, dass Volksmusik immer auch etwas
Widerständisches hatte, das leider durch das nationalsozialistische Erbe
pervertiert worden sei.
Ähnlich schwierig gestaltet sich die Ausdrucksweise im Dialekt,
vorbelastet durch den Austro-Pop. Und in der anglophil dominierten
Popwelt nicht gerade ein Verkaufsargument. Für Tschabitzer aber einfach
die beste Möglichkeit einer "direkten Ausdrucksweise". Obwohl er sich
dem Englischen nicht immer verweigert hatte. So wurde auch das 2004
erschienene Album "Perfect Sunday" ein kauziges und wunderbar gelungenes
Electro-Pop-Album.
Auf seiner aktuellen CD "Poplawok" - russisch für "Schwimmer" -
entfernt sich Tschabitzer wieder einen Schritt von dieser Gangart, mit
einer simplen Erklärung: "Englisch ist einfach nicht meine Sprache." Und
seine musikalische Sprache wird stärker als zuvor durch eine wehmütige
akustische Gitarre transportiert, die Arrangements sind schlanker
geworden, die Hammond-Orgel weniger dominant. Und neben den sanft
dahinscheppernden Beats hat der Schwimmer sampletechnisch seine Wohnung
zum Klingen gebracht: Tropfen, Brillenetuis und Lampen etwa. Auf der
neuen Platte ergibt das zum Beispiel den "Zimmerlampendub". Und wenn es
in "Foan" heißt: "I foa in die oandre Richtung, so weit wia I halt
moag", besetzt der Schwimmer auch weiterhin die Nische marktuntauglicher
Eigenwilligkeit und schließt den Kreis zum gleichnamigen Film: "Es ist
doch wunderbar, etwas Unvernünftiges zu machen".
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