Lade auf
Dass sich JANA & DIE PIRATEN zu einer Band zusammenfanden,
war Zufall. Dieser ist nun fünf Jahre alt und reif für ein Debüt des
bunten Trios mit russischen, deutschen und österreichischen Wurzeln. Das
„Special Blend“ schafft sich damit seinen Platz in der hiesigen Szene
ihrer kunstvollen Musik.
In deutscher Schriftsprache verpacktes Ansinnen und Botschaften mit
schrägem sympathischen Flair packen Jana Schulz (Akkordeon, Gesang), Leo
Taschner (Gesang, Gitarre, Orgel) und Ludwig Klossek (Geige, Gesang,
Schlagwerk) in sieben Lieder verschiedener Genres was gefällt – von
unkonventionellem Singersongwriting bis Tango, mit und ohne Balkan.
Aufgeladen zwischen Verzicht und Überfluss, mehr oder weniger
pathogen, bewegen sich die Herzensthemen der drei. Ein allmorgendlicher
kräftiger Schluck Zynismus steht der Akte „Alkohol und Drogen“ immer
gut. Angst oder nicht Angst, das war nicht nur für Hansi Lang die Frage.
Auch bei in der Gesellschaft harmlos geredeten Rauschmitteln, wie
„Aufputschern“ und „Runterholern“ der gepflegten Medizin, fürchte ich,
gilt nicht immer der von der Band zitierte Satz: „Keine Angst, es ist Placebo.“ Die Ambivalenz von Wirkung und Nebenwirkung durchwirkt symbolisch das ganze Leben, und von dem wird gesungen.
Nichts
für schwache Nerven ist der Song „Trittico“, der dem Tanz auf dem
Vulkan namens Antidepressiva gewidmet ist. Aber auch ein gesunder Blick
auf exzesstaugliche Grundbedürfnisse reicht dem Ensemble, um zu
demonstrieren, dass sich der wahre Wahnsinn heutzutage direkt vor der
sprichwörtlichen eigenen abgestumpften Nase abspielt („Essen rein,
Trinken rein, Essen Trinken raus“).
Im albumgleichnamigen Song „Lade auf“ wird so knapp wie denkbar und
umso vortrefflicher das absurde „Perpetuum mobile“ von Reinstopfen und
Sichentledigen in einem feinen Wortspiel gezeichnet, das eine
Gesellschaft widerspiegelt, die ihren Alltag nur mehr zwischen „Phone
and Food“ zu stemmen vermag.
Dass die Liebe, die härteste Droge überhaupt, zu schweren
Nebenwirkungen wie Ausgeliefertheit führen kann, ist nicht unbedingt
neu. Schön hingegen das von der Band vermittelte unromantische und, wie
ich finde, fantastische Bild der Grausamkeit, wenn unerfüllte Sehnsüchte
und Erwartungen das eigene Selbstverständnis ausbluten lassen können –
einem „Fisch“ gleich, der zum Ausschlachten bereit auf dem Küchenbrett
gelandet ist.
Früher fragte man sich, ob wir nicht alle Piraten sind. Heute schaut
man nicht mehr in Gesichter, sondern auf die Handyrückseiten eines um
zwei smartphonebedienende Arme amputierten Homo sapiens beiderlei
Geschlechts, solange der Akku reicht. Jana & Die Piraten
fordern auf. Es liegt nicht nur in der Natur ernster Themen, dass dabei
Tiefgang entsteht. Die Kunst ist es eher, ein Statement abzuliefern, das
belehrende Besserwisserei einspart, das (peinlich) berührt und wirkt,
nicht nur weil die Dinge, die einem da vor die Ohren geschmissen werden,
für sich sprechen. Es gelingt der Band, diese kunstvoll zu verpacken
und einen angenehmen Kontrapunkt zu selbstverliebter Friede-Freude-
Eierkuchen-Musik zu setzen.
Alexandra Leitner

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