Wohlerzogen
„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!“ Und schon gar nicht mit den
Stahlstadtkindern. Wohlerzogene Damen und Herren tun das nicht. Stopp!
Für das Linzer Trio Tonfabrik heißt Wohlerzogen Stellung beziehen,
kuscheln, aber nicht kuschen. Übrigens: nicht kuschen – eine Spezialität
der Stahlstadtkids. Mit Bands wie Texta, Willi Warmer, Seven Sioux wird
der Klartext zum Programm einer brodelnden Linzer Kulturszene.
Statements zur Lage der Nation in drei Minuten.
Mit ihrer aktuellen Release Wohlerzogen reiten Christoph
Leitner-Kastenhuber (Gitarre, Stimme), Michael Jakobi (Bass) und
Friedolin Baumann (Schlagzeug) auf dieser Welle – mit ganz eigenem
Tonfall: Akustikgitarre, Bass, Schlagzeug, einige Tupfer Cello, Bläser –
c’est tout für einen lässigen Sound. Sparsam? Ja. Vielstimmig? Klar.
Wenn du wirklich was zu sagen hast, dann kannst du eine ganze Welt in
Strophe und Refrain packen. Hot wie der Hochofen und eindringlich wie
die Signaltröte schmieden sie einen tighten Pop, der klarstellt: In
Zeiten wie diesen, in denen der Ton schärfer wird, und der Tellerrand,
über den man blicken sollte, immer stärker zu einem Kaffeehäferl mit
brauner Sauce mutiert, setzen Tonfabrik starke Signale mit starken
Melodien.
Mit Rechtsdrall knallen wir an die Wand. Und keiner hat danach davon
gewusst? Ampelmann – die erste Single aus Wohlerzogen – räumt mit
rumpeligem Drive auf mit der Laschheit und Laxheit des Mir-doch-Wurst!
Mit erhobenen Zeigefinger? Genau nicht. Wohlerzogen ist das
12-Song-Tagebuch einer Generation, die Schluss machen will mit freudigem
Anpassen und Funktionieren. „Du musst an dir arbeiten!“, „Ein bisschen
Verbiegen schadet nicht“, „Vordrängen ist Selbstschutz!“ Kampfsätze
gegen das Leben. Zusammenschlagwörter. Eine Generation, die im „Ozean
der social media ertrinkt“, und die nach einem Rettungsring greift. Und
Tonfabrik sind mit ihren Songs mittendrin „Ich hab euch viel zu lange
zugesehen, viel zu lange nur zugehört.“ Mit dem ersten Song auf der
Platte feiern sie gleich ein Ende. „Man sagte mir viel zu oft, sei
lieber still. Damit ist jetzt Schluss.“ Aufbruch ins Neue – das
Versprechen, das uns die Songs von Woody Guthrie, MC5, Billy Bragg, Ton,
Steine, Scherben gegeben haben.
Tonfabrik mischen aber nicht alte Karten. Der Sound ist frisch,
catchy – im besten Sinn Pop: Bourgeoisie – ein Ohrenschmeichler vom
Feinsten, mit wunderbarem Cello und tänzelnden Trompeten – da swingen
nicht nur die Marionetten. Oder der Refrain von Johnny.
Alltagsbeobachtungen werden zu Strophen. Die Nerven liegen blank in der
Schlacht called Autoverkehr? Nicht gerade Thema #1 in der Musik. Meint
man. Tonfabrik schalten trotzdem einen Gang höher und liefern die
richtigen Tunes dazu. Die Risse im Alltag beobachten, das Unbehagen in
der Gesellschaft beobachten, das ist im Pop „[…] mehr als die Summe der
einzelnen Teile.“ Nicht von ungefähr zitieren wir hier Kante – der
Gesang Christoph Leitner-Kastenhubers steht in seiner Klarheit,
Präzision und Leichtigkeit der Hamburger Schule nahe. Linz – Hamburg:
schnellste Verbindung? Mit Wohlerzogen in 40 Minuten.
Das heimliche Energiezentrum von Wohlerzogen ist aber Den letzten Zug
nehmen wir zusammen. Wie die Jungs den Song bremsen und gleichzeitig
perlen lassen, um ihn dann unaufgeregt in eine Hymne des glücklichen
Moments zu wandeln – dafür würde sogar Sven Regener freiwillig den
Dreien eine Flasche Pils aufploppen.
Wer kämpft kann verlieren. Wer es nicht tut, hat schon verloren. Pop
bringt Liebe, Wut, Abenteuerlust, Zorn, Irrsinn und Freude auf einen
simplen Punkt: 1 gute Melodie, 1 guter Groove, 1 gute Story – und das
alles in 4 Minuten. Die Jungs von Tonfabrik schaffen das Kunststück:
Wohlerzogen ist eine Pop-Platte, die berührt, aneckt, träumt, aufräumt,
ausspricht, anspricht – und die Verhältnisse zum Tanzen bringt.

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