Junger Mann
Der gelernte Jazzpianist BERNHARD KRISPER hat viel zu sagen. In
einer Art Ein-Mann-Varieté, wie dies gern genannt wird, singt er
sozialkritische und teilweise elegante skurrile Botschaften und
Nicht-Botschaften. Er begleitet sich dabei mit der Königin der
Tasteninstrumente, mit dem Klavier, what else?
„Ich wünsch‘ mir zum Geburtstag einen Vorderzahn“
…
war gestern. Heute sehnt man sich – besonders als „Junger Mann“ nach
manch zeitverschwendetem Gymnasiumslebensabschnitt hinter Stowasser u.
Ä. – nach der Matura nach einer Autotür. Schon gewinnt man ein Bild
davon, wohin und woher dieser musikalische Wind weht. Alltagsgeschichten
werden verpackt in gern ausschweifende Intros, ähnlich früheren
Musicals, zum Kern des Stückes geht es dann in eingängigen Melodien und
Reimen. Aber bei zweierbeziehungstechnisch besungenem Opel Rekord D
Caravan bleibt es nicht, denn wer in Wien D sagt, muss auch D-Wagen
sagen. Dessen kontextuell vertonte Stimmungen der Haltestellen bilden
den Stilmix des ersten Tracks dieses Albums
„Müdigkeit ist ein Kulturphänomen“
In
einem Vergleich zu naturgemäß schlafbedürftigen Nagern erklärt der
Sänger, was persönliche Artgerechtigkeit wirklich bedeutet. Andererseits
thematisiert er Lampenfieber und erkennt, dass sich Tortenecken als
verlässlichstes Beruhigungsmittel zu erweisen drohen, um dann herzhaft
zu philosophieren über die Zeile „Wer A sagt, muss auch B sagen“
„Egal was, ich werd’s probieren“
Mit
dieser juvenilen Weisheit bringt der Liedermacher auf den Punkt, was
sich manche von einer Entscheidung zu Recht überforderten MaturantInnen
übers Studieren denken, nach ausgiebig durchgefeiertem Sommer oder
länger, versteht sich. Dabei sieht sich Krisper mit Augenzwinkern reich,
berühmt, mit vielen Kindern und Autos ohne Ende, zumindest wenn er
angesichts der Diagnose „nicht belastbar“ das Nötige dafür tut (also
einen Lottoschein ausfüllt). Über dieses und andere Glücksszenarien, wie
z. B. die Schönheit des 19. Mai, singt er frei von der Leber weg, immer
verspielt und unangreifbar mit Klavier und Humor bewaffnet.
Das,
was Krisper auf der Bühne tut, gehört zu Wien wie Sacher Torte und Staus
auf Ring und Gürtel: kritisches Liedermachertum, gekonnt begleitet, mit
viel Text, ein bisschen schräg, ein bisschen verstörend, frech,
ausführlich, sympathisch und ohne Hemmungen. Bernhard Krisper hält eine
alte Tradition auf ungezwungene Weise am Leben, nämlich musikalisch und
textlich die Grundessenz der Stadt Wien zu zeichnen und gleichsam das
Paradoxon der Hass-Liebe erneut zu manifestieren, hart, aber ehrlich.

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