Mittwoch, 18. März 2020
The Very Pleasure - Kongress der Unvernunft (2014)
Kongress der Unvernunft
Zwischenzeitlich dachte ich, dass es The Very Pleasure (TVP) gar nicht
mehr gibt, und dann das: »Kongress der Unvernunft« (KDU), das seit
langem angekündigte Album mit einem treuherzig vom Cover blickenden
Fritz Ostermayer im Tatortreiniger-Anzug mit Micky-Maus-Ohren, ist fix
und fertig. Das Duo Fritz Ostermayer/Oliver Welter (Naked Lunch)
expandierte mit dem »ideellen« Mitglied Hans Schabus (Korg MS20,
dilettantisch) sogar zum Trio, und holte sich für »KDU« noch mehr oder
minder naheliegenden Support. Dass Christoph Grissemann mit einem
Spoken-Word-plus Sound-Stück dabei ist, verwundert kaum, die
Kärnten-Fraktion mit Richard Klammer und Herwig Zamernik ist auch
plausibel, doch ein gewisser Alfred Schefberger an der Ukulele
(Kindergartenfreund von Fritz O.) ist eine Ûberraschung. Von den zehn
Lectures auf dem Kongress sind sechs aus eigener Feder (d. h.
Ostermayer). Der Rest würdigt Alltime-Hero Lee Hazlewood (»Pour Man«),
Borderline-Singer-Songwriter Daniel Johnston mit dem herzzerreißenden
»True Love Will Find You In The End«, John Cale mit »Chorale« vom
legendären Live-Album »Sabotage«, die 2014 unendlich uncoolen Procol
Harum mit »Homburg«, sowie im finalen Song »Idiots Now« – man staune! –
Italo-Pop/Rockstar Gianna Nannini. All das wird dargeboten auf Basis
möglichst billig klingender Konservenbeats und Laptopsounds (plus
Blubbern und Ufo-Geräusch von Schabus), bei denen man unweigerlich an
die schmierigen Alleinunterhalter an Kirtagen denken muss, die schon mal
einen Kleinen sitzen haben, um diese Tristesse leichter zu ertragen.
Doch genau darum geht es bei TVP auch, um den vielzitierten schmalen
Grad zwischen Erhabenheit und Lächerlichkeit, das leidende Ich/Subjekt,
das singen muss, um dem »Skandal Leben« etwas entgegenzusetzen. Gesungen
wird ohne Ironie vorzugsweise von den Schmerzen und Freuden der Liebe
sowie von der Freundschaft, konkret zwischen Fritz O. und O. Welter
sowie dem »gesamten Freundeskreis« (Labelinfo). Dabei darf textlich
schon mal geschweinigelt werden wenn es von Herzen kommt, und das tut es
bei KDU ausnahmslos. Die völlig verschiedenen Singstimmen von Fritz O.
und O. Welter harmonieren bestens, zumindest wenn man Ostermayers
Destruktions-Grummeln kombiniert mit der grandiosen Stimme Welters für
sich als stimmig erkannt hat. Das wichtigste ist sowieso das Herzblut,
und das wird mal mit mehr Nachdruck (besonders in »Homburg« und
»Chorale«, das die Freundschaft explizit zum Thema hat ), dann wieder
zurückgenommener, literweise ausgeschüttet. Am intensivsten in den
leiseren Passagen in »Idiots Now«, das nahtlos in Nanninis »Fotoromanza«
mit der für einen auf politische Korrektheit Konditionierten kaum
packbaren Textzeile »Quest‘ amore e una camera a gas« übergeht. Mit
»Sordid Pleasures« ist auch ein exzellenter, zweisprachiger Song als
Single ausgekoppelt, zu dem es im Web ein schräges Mäuse-Video zu
bestaunen gibt. Pop, Kitsch, Trash, Dadatexte, Melancholie und maximale
Ergriffenheit gebären ein ohne Vergleich dastehendes Ungeheuer.
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