Als Sigrid Horn Ende 2018 ihr
Debut „Sog i bin weg“ auf Charlie Baders und meinem noch ganz nagelneuen
Label veröffentlichte, war manches noch ganz anders. Frau Horn hatte
gerade ihr Studium abgeschlossen und an einem niederösterreichischen
Gymnasium als Musiklehrerin zu arbeiten begonnen. Und Charlie ich
standen unsererseits auf dem Standpunkt, wonach wir unsere
Veröffentlichung verehrter Künstler und Künstlerinnen auf jeweils ein
Album beschränken würden: eine einmalige Begegnung, Hier und Jetzt wie
im Blues, eine Platte, dann geht jeder seiner Wege.
Aber, oh Sigrid! Frau Horns
Lieder schlugen in der Musiklandschaft ein wie Hagel in ein
Erdäpfelfeld. Zeitungen, Radios, einflussreiche Menschen griffen zu
Superlativen in der Beschreibung von Sängerin und Songs. Vom Popfest
abwärts luden die Festivals die Mostviertlerin ein, obendrein gewann
sie eher nebenbei den Protestsongcontest und erspielte sich in
anderthalb Jahren einen erstklassigen Ruf als Live-Könnerin, ob nun mit
ihrer fabelhaften kleinen Band oder solo mit ihrer Ukulele. Nach einem
Jahr gab Sigrid Horn ihren Lehrberuf wieder auf, um sich ganz der Kunst
zu schenken. Schließlich teilte sie uns relativ apodiktisch mit, ihre
zweite Platte solle und werde ebenfalls bei uns erscheinen, als eine
echte und legitime Fortsetzung der ersten. Mit anderen Worten: „I bleib
do“.
Um Sigrid Horn zu
widersprechen muß man, wie man in Österreich sagt, ein paar Knödel
gegessen haben. Ich habe das ein, zweimal gewagt, aber nicht in diesem
Fall. Wozu auch?
***
Die zehn Songs auf „I bleib
do“ sind mehrfach konzentrierte Kunstwerke, niemals eindeutig aber immer
klar. Es sind Berichte aus der innersten Mitte des Lebens, gesungen mit
der äußersten Entschlossenheit, keinen einzigen Moment dieses Lebens
nur mit halber Kraft anzugehen. Die Berichte handeln von Wasser und
Luft, von Hingabe und Sinnlichkeit, von Vorfahren und Kindern, von
Naturgewalten und dem alten Land zwischen Wachen und Träumen.
Die Musik hat sich gegenüber
dem Vorgängeralbum subtil und organisch verändert, aus den fragilen,
schönen und manchmal fremden Folk-Skeletten des Erstlings sind
berauschend arrangierte Songlandschaften geworden. Daran beteiligt, wie
bisher: Sarah Metzler, eine Art rätselhafte, betörende, unberechenbare
Wetterhexe an ihrer Harfe, und der Multiintrumentalist Bernhard
Scheiblauer, einer der durchlässigsten und souveränsten Mit-Musiker
hierzuorts, der immer das Richtige tut, wenn es gilt, einen an sich
schon großen Song mittels Tasten, Saiten oder den süßen Zungen seiner
Concertina noch zu vertiefen.
Neu an Bord dieser poetischen
Kampf- und Wandertruppe ist der in Wien lebende brasilianische Produzent
Felipe Scolfaro Crema, der seine vielfältige Sozialisation, zuletzt
auch in der zeitgenössischen Elektronik, wie einen Kompass bei der Reise
durch ein fesselndes und verstörendes Land benützt. Seine Aufnahmen und
Mixes stellen die Musikerin und ihre Band in einen so noch nicht
gehörten Raum, jenseits aller kultureller Zuordenbarkeit, jenseits aller
Hörgewohnheiten. Die Produktion definiert ein imaginäres Reich, in dem
die so exotischen Sprachen, Stimmen und Visionen der Dichterin und
Sängerin Sigrid Horn vollkommen zuhause scheinen. Charlie Bader und ich
wissen, daß diese Platte eine Reise ist. Wir haben sie schon hinter uns,
jetzt schicken wir Sie dorthin. Wir können versichern: Wir sind
wohlbehalten und glücklich.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen