Dienstag, 31. März 2020
DAVID STELLNER & DAVID STELLNER DUO
David Stellner – Wenn da Vollmond scheint (2013)
Der Multiinstrumentalist, der in die Schlagzeilen geriet als U-Bahn-Picknicker, wie er Birgit Denk bei einer Montagsveranstaltung in der Kulisse erzählte, scheint mit Leib und Seele der Umganssprache verfallen. „Reim di oda i friss di“ ist nicht. Starke Stücke für‘s Jetzt dagegen schon. Soweit muss Austropop gehen.
Raue Stimme, inwendige, unkitschige Lyrics und Revolutionsbereitschaft stecken in ihm von der Sorte „Scheiß ma nix, i hob wos zum Sogn“. Dabei lässt sich Stellner nicht unbedingt festnageln, denn nicht nur Extrem-Picknicken pflegt er ohne Hintergedanken und Zwangsbotschaft: Interpretation muss Interpretation bleiben, manches lässt er auch in der Musik dem Hörer offen. In diesem Sinn führt der Gitarrist, Sänger, Harmonikaspieler u.v.m. in seiner persönlichen Gedankenreise durch den elf Titel beinhaltenden Tonträger und wirkt in jeder Sekunde glaubhaft.
„Warum hoib, wenn ma gaunz hob’n kann“…
…meint auch, sich nicht zu sehr zu verbiegen. Kompromisslosigkeit spürt man bei diesem Musiker dadurch, dass er sich offenbar lieber eine Hand abhacken lassen würde, als einen abgedroschenen und/oder schlechten Reim zuzulassen. Das verleiht dem Ganzen eine spezielle Note von „Theatersprache“ und angenehme Ungeniertheit diesbezüglich. Die selbst arrangierten Lieder (vorwiegend sogar selbst komponiert) und Texte kommen unbemüht und treffen oft direkt ins gehirnliche Emotionszentrum.
„Treibhoiz“ fetzt lässig, „Hätt‘ i gwusst“ hingegen berührt peinlich und handelt von der Unwiederbringlichkeit von Momenten und lieb gewonnenen Menschen. „Wenn da Vollmond scheint“, gehen die Hormone mit ihm durch und an einem anderen einsamen Abend denkt er sich vielleicht: „Schenk ma nur a letzte Nocht“. Was darf man daraus schließen? „Des Leben is a Hua, die da jedesmoi zu vü varrechnet“. Eine geniale Textzeile für das kleine „Hey Joe!“-Gefühl des Gemütlichkeitsrauchers, hier statt in Reggae sogar in Wienerliedmanier gefeiert. Alles in allem leckere Stückerln!
Eine Armada von MitmusikerInnen…
…begleitet den Singersongwriter auf der CD. An den Strings und oft auch auf der Bühne fungiert Raffael Widmann. Mundharmonika, Synthesizer, Bass, Klavier, Perkussion und fette Stimmbänder im Hintergrund tragen die Lieder. Gekonnt werden sie mehr als bedient von Helena Maertelaere, Maria Luise Nutz, Andrea Nutz Stefan Haslinger, Florian Aschauer, Peter Power, Bernhard Zimmermann und Florian Fitz.
David Stellner Duo - Mein Lieber Freund und Zwetschkenröster (2016)
Mein Lieber Freund und Zwetschkenröster
Wenn einer musikalisch in Wien nichts anbrennen lässt, dann ist das Singersongwriter DAVID STELLNER. Im Duo mit RAPHAEL WIDMANN kommt nun sein neuestes Album auf den Markt. Beide sichern sich mit frech vertontem Schmäh den verdienten Platz unter denen, die neues Wienerlied schaffen.
Die Zutaten: Zwei am Gesang, der eine davon mit Gitarre, der andere mit Geige, eine Prise Dreivierteltakt, Wechselbass, auch mal Reggae, frische, alltagsbezogene Inhalte in Mundart, ein Schuss Tanzbarkeit und Rock ’n‘ Roll im Herzen. Das kleine, feine (quasi) „Packl“ mit niederösterreichischen Wurzeln feiert nach ausgiebigem Bühnenspiel endlich die Veröffentlichung eines schönen Livealbums.
David Stellner gelingt es immer wieder, auch mal bissig beim Namen zu nennen, was sich viele denken. Er macht dabei der Wiener Musik alle Ehre – auch dem Austropop im Übrigen – und hat ein Gespür für die Anliegen der kleinen Frau und des kleinen Mannes. Die Songs gehen von New York über Bibione bis in die Hauptstadt der Musik.
Am Punschstand, wo si olle de Zechn o’gfrean…
… sind nicht nur wollerne Männerunterhosen unpeinlich. Es leben das Selbstgemachte, wie „Söwa gstrickte Seckln“, „Supperln“, das Heimelige, das Gemütliche, soziale Wärme inklusive. Viel Verständnis bringt der von draußt vom Waldviertel herkommende David Stellner auch für das natürlich erwachsende Gefühl des „Jedem-eine-reinhaun-Können“ auf und huldigt Automatismen wie Abgestumpftheit und Gewöhnungseffekt, die ein Leben in diesem Ballungszentrum an der Donau überhaupt erst möglich machen, nicht nur bezüglich Bezirksämtern.
Wos hot da Alk aus dir gmocht, du schaust so grauslich aus?!
Zwischen Lieg‘n reservieren und Bademeisterschickskandalgeschichten, wie im neuen YouTube-Video, wird sich kein Blatt vor den Mund genommen. Das auch im umliegenden Ausland sehr aktive Duo scheut sich zudem nicht, teils berührende, teils brutal direkte zwischenmenschliche Sager aufs Tapet zu bringen, denn was wäre der Alltag ohne Freundschaft und Liebe?
Kana was, wos drin is in dem Tisch
Als Könner zeigen sich die Künstler auch im letzten Titel skurril und wortverspielt, was der Scheibe einen reizvollen Abschluss verleiht. Der Song widmet sich den wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Sehr geschmeidig fügt sich dort wie im gesamten Album das Spiel der Geige Widmanns ein und trägt zum ganzheitlichen Wiener Sound bei.
Die Instrumente bescheiden sich professionell auf das Dienlichste und die oft zweistimmig geführten Gesänge harmonieren in Selbstverständlichkeit. Dem nicht genug, basiert dieser Charme auf einem kräftigen Spritzer Selbstironie. Somit ist den Grundpfeilern des Wienerliedes mehr als gedient: immer spitzzüngig, immer augenzwinkernd, aus Liebe, versteht sich – ehrlich und darum herzlich.
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