Freitag, 10. Januar 2020

SCHNITZELBEAT (2013-2015)

Volume 1 - I Love You, Baby! (Twisted Rock-N-Roll, Exotica & Proto-Beat Unknowns From Austria, 1957-1966)
Volume 1

Elvis Presley gab nie ein Konzert in Österreich und das ist schade. Dafür war Bill Haley hier. Sein erstes Wien-Konzert fand am 22. Oktober 1958 statt und wie sich Zeitzeugen erinnern, war seine Show erwartungsgemäß überzeugend. Dennoch verlief die ganze Sache – anders als in anderen Metropolen der Welt – relativ harmlos: Keine Jugend-Unruhen auf den Straßen der Stadt, keine brennenden Autos, noch nicht einmal zerschmetterte Sitzplätze im Wiener Konzerthaus waren zu beklagen. Dabei hätte eine sichtbare Initialzündung halbstarker Teenager-Subkultur der kleinen Kulturnation Österreich in ihrer lang währenden Identitätssuche wohl gut getan und sämtliche schleppenden Pop-Entwicklungen der kommenden Jahre radikal beflügeln können. Doch es ist, wie es ist.
Aus der Frühphase der Underground-Strömung Rock-n-Roll in Österreich liegen uns so gut wie keine musikalisch relevanten, für den Massengebrauch gefertigten Tonträger vor. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass historische Recherchen stets die Existenz von unabhängigen, genuinen Teenager-Rock-n-Roll-Szenen in rauen Mengen zu Tage befördern. In den Jahren 1957 bis 1960 wuchs in ganz Österreich allmählich eine erste Generation von Teenager-Amateur-Formationen heran, die dem amerikanischen Rock-n-Roll verfallen war und sich verruchte Bandnamen verpasste: The ABC Rockers, The Blue Gamblers, The Blue Jean Boppers, The Rock Five, The Shakers, The Shamrocks, The Strangers, The Thunderstorms, The Vienna Ramblers, ... Bandnamen, die sich wirklich hören lassen konnten, nur auf Tonträgern hören konnte man diese Bands eben nicht.
Diese jugendlichen Fans, die deutsche Peter Kraus-Adaptionen weitgehend als Verhöhnung des Genres empfanden, sogen indes mit fiebrigem Eifer das Musik-Programm von Radio Luxemburg in sich auf und interpretierten die gehörten englischsprachigen Rock-n-Roll-Titel alsbald vor einer kleinen Meute Gleichaltriger. Auf diesem Wege entstanden in ganz Österreich kleine regionale Szenen mit wilder Live-Beschallung, deren größtes Defizit aber naturgemäß in fehlender Infrastruktur und der non-existenten Vernetzung mit anderen Szenen lag. Kuriose Eigenwahrnehmungen wie etwa “außer unserem eigenen Freundeskreis in Kottingbrunn hat sonst niemand in ganz Österreich schon Rock-n-Roll gehört / gespielt” sind in diesem Zusammenhang keine Seltenheit. Bei einer derartigen Vielzahl grundlegender struktureller Mängel konnte der Rock-n-Roll als Leitkultur für österreichische Teenager freilich kein Land gewinnen.
Der österreichische Rock-n-Roll ließe sich als Genre der vergebenen Chancen subsumieren. Ebenso könnte hier der Ausgangspunkt eines ominösen Österreich-Syndroms verortet werden, sprich: Allen Trends der Popgeschichte stets zwei bis drei Jahre hinterher zu sein. Wichtige Entwicklungen originärer Teenager-Subkultur erfuhren im Österreich der späten 1950er und frühen 1960er Jahre kaum mediale Aufmerksamkeit und wurden nur selten für wert befunden, auf Tonträgern für die Ewigkeit konserviert zu werden. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Verantwortlichen der heimischen Schallplattenindustrie trauten es österreichischen Recording Artists noch nicht zu, nach internationalem Vorbild wilde und ungestüm-rockende Aufnahmen am Puls der Zeit zu machen, womöglich noch englischsprachige. Tatsächlich hatte ein österreichischer Recording Artist partout deutschzu singen, alles andere wurde im Sinne der Glaubwürdigkeit und der guten Sitten als unverkäuflich angesehen. Ein weiterer Grund für mangelnde Experimentierfreudigkeit heimischer Labels war der gängigen Einschätzung geschuldet, mit jungen Bands sei kein Profit zu machen: Auf Schallplattenproduktionen waren folglich stets kommerzielle Tanz-Orchester zu hören.
Durch die Etablierung der von Gerhard Mendelson gegründeten Austrophon-Studios hatte sich der Standort Wien mit der sogenannten Musikproduktion Süd zudem zu einer renommierten Hochburg deutschsprachiger Schlagerproduktion gemausert und setzte im fraglichen Zeitraum auf voll profitable und radiotaugliche Produktionen der Unterhaltungsmusik. Jeden Tag entstanden hier unter der Leitung erfahrener Arrangeure und unter Mitwirkung von Vollblut-Instrumentalisten aus dem Pool der Wiener Jazz-Szene potentielle Millionenhits für den deutschen Marktführer Polydor. Wirklich beeindruckend, aber nichts für junge Rock-n-Roll-Fans!
Seitens der österreichischen Plattenindustrie herrschte allerdings kein generelles Desinteresse an zeitgenössischer Teenager-Popkultur, es durfte bloß nicht zu wild, oder zu amerikanisch klingen. Einschlägige Verkaufszahlen gaben dieser Strategie im Übrigen durchaus Recht, wie sich der Wiener Film-Komponist Gerhard Heinz, ab 1958 Aufnahmeleiter der Austrophon-Studios im Gespräch mit den Trash Rock Archives erinnert: “Ein früher Originaltitel von Elvis Presley hat in Deutschland damals nur rund 10.000 Stück verkauft. Die Cover-Version derselben Nummer, die wir hier in Wien aufgenommen haben, hat sich in der Version von Peter Kraus hingegen fast eine Million mal verkauft.” Beachtlich! Die Rezeptur Rock-n-Roll-Adaptionen auf Deutsch kam auch rasch mit dem österreichischen Recording Artist-Nachwuchs zur Anwendung und die Liste heimischer Schlagersänger/innen, die uns auf diesem Wege kommerziell orientierte Schallplattenproduktionen hinterlassen haben ist überraschend lang: Susi Adorjan, Wolf Aurich, Hank Baxter, Robert Benett, Jörg Maria Berg, Ernie Bieler, Günther Frank, Ferry Graf, Rockie Jackson, Evi Kent, Micky Main, Fred Perry, Hedi Prien oder Ralf Roberts,um nur einige der hörenswertesten Interpreten zu nennen.
Was im gängigen Diskurs allerdings allzu oft übersehen wird, ist die verborgene Stärke österreichischer Musikproduktion in der Erzeugung sogenannter novelty records, also von Schallplatten, die auf abseitige, nicht massentaugliche Superlative der Exploitation-Kultur zur Eroberung eines kleinen Publikumssegments setzten. In einigen spektakulären Momenten manifestierten sich in österreichischen Aufnahmestudios etwa spekulative Sex- und Gewaltfantasien (“Maloja”), Motive des Kriminal- und Horrorfilms (“Geisterstunden Cha-Cha”), Exotika-Edelkitsch (“Chica Chica Bum”) oder zeitgenössische Pop-Entwürfe mit lokalem Kolorit (“Blue-Jean-Jack aus Meidling”).
1964 schaffte es dann erstmals eine österreichische Beatband auf den ersten Platz lokaler Hitparaden: Der Smash-Hit „Melancholie“ der Bambis war zwar nur eine picksüße Italo-Schnulze, dennoch war es dieser Aufnahme zu verdanken, dass der Strömung Beat und eigenständig agierenden Bands im österreichischen Feuilleton erstmals gesteigerte Beachtung geschenkt wurde. Jedoch gingen mit der medialen Aufmerksamkeit auch rigorose Auflagen hin zu Kitsch und Kommerzialität für die kommende Generation von Nachwuchs-Musikern einher. Dieses spezifisch österreichische Dilemma ist der eigentliche Ursprung des Schnitzelbeat, einem typisch österreichischen Genre.
Der Wiener Kulturinitiative Trash Rock Archives ist es in langen Jahren der Recherche und Erfassung relevanter Tonträger-Materialien gelungen, einen nahezu vollständigen Bestand österreichischer Musikproduktion aus dem fraglichen Zeitraum zu sichern. Dies ist die erste Zusammenstellung ihrer Art. Wir waren daher bemüht, einem interessierten Publikum einen differenzierten Einblick in die Geschichte des Rock-n-Roll, der Exotika und der Frühphase österreichischer Beatmusik zu verschaffen und in diesem Sinne nur das Beste aus allen Welten herauszuheben: Visionäre Lichtblicke echter Halbstarken-Subkultur als Vorboten des heimischen Beat- und Garage-Rock, die schillerndsten Aufnahmen des Teenager-Radiopop eines verloren gegangenen Goldenen Zeitalters sowie die verruchtesten Incredibly Strange Music-Momente einer kommerziell orientierten Schallplattenindustrie in ihren diffusesten Momenten der Aufbruchstimmung.

Volume 2 - You Are The Only One (Raw Teenage Beat & Garage Rock Anthems From Austria 1964-1970)
Volume 2

Das erste Österreich-Gastspiel der Rolling Stones fand unter enormen Polizeiaufgebot am 17. September 1965 in der Wiener Stadthalle statt. Zusätzlich begleitet wurde das Spektakel von einer gehässigen Pressekampagne, die das Konzert bereits im Vorfeld als unmusikalische Lärmorgie verteufelte und seine jungen Besucher als verwahrloste, intellektuell minderbemittelte Strolche portraitierte. In der weitläufigen Wahrnehmung stand die Jugendbewegung Beat noch synonym für politische Subversion und gesellschaftliche Nonkonformität und löste in den Köpfen der Erwachsenengeneration ähnliche Horror-Phantasien aus, wie sie etwa zehn Jahre zuvor schon der Rock-N-Roll evoziert hatte. „Für die Leute war das damals ein Schock“, vergegenwärtigt sich Walla Mauritz, Leadsänger der Wiener Psychedelic Rock-Formation Novak’s Kapelle in einem Gespräch mit den Trash Rock Archives. „Das waren Spießrutenläufe durch die Gesellschaft. Alles, was längere Haare über die Ohren hatte, galt entweder schon als Avantgarde... Oder schlimmer: Wenn du in Wien in die Straßenbahn eingestiegen bist, hat man sich gleich nach dir umgedreht und vom Vergasen‘ gesprochen.“
Allen Ressentiments zum Trotz, nahm das Beat-Movement allmählich auch in Österreich Gestalt an. Spätestens seit dem Stones-Auftritt galt es als erwiesen, dass hier eigentlich ein ganz gutes Geschäft zu machen war und sich die jungen Leute ohnehin zu benehmen wussten. Einige weitere wesentliche Vorreiter und Mitbegründer des Genres waren in den kommenden Jahren in der Bundeshauptstadt zu Gast: The Kinks (1966), The Beach Boys (1966), The Troggs (1966), Manfred Mann (1968), The Jimi Hendrix Experience (1969) und ein zweites Mal The Rolling Stones (1967). Gleichzeitig formierten auch österreichische Teenager flächendeckend eigene Beat-Combos und lernten über Nacht die nötigen Akkorde, um testosterongeladene Coverversionen von „Satisfaction“, „You really got me“ oder „Wild thing“ vor einer Meute Gleichaltriger zum Besten zu geben. Möglichst nah am Original zu sein, galt Tanzbands jener Tage (noch) als unumstößliches Qualitätsmerkmal, im Sinne von „Das sind die Yardbirds von Leonding“ oder „Kennst du schon die steirischen Herman’s Hermits?“ oder gar „Hallo, wir sind die Vienna Beatles“ (siehe „Schnitzelbeat Volume 1“).
Die größten Mängel des heimischen Marktes, also die fehlende Vernetzung von Teenagern untereinander, unzureichende Infrastruktur oder die Absenz notwendiger Kommunikationskanäle, ließen sich Ende der 1960er Jahre mit einigen wichtigen Initiativen allmählich bewältigen: Im Oktober 1967 ging das Jugendradio Ö3 erstmals auf Sendung und regte eine alternative Auseinandersetzung mit heimischer Popmusik an. Im Dezember 1968 nahm das (mittlerweile in Vergessenheit geratene) „österreichische Bravo“, ein Beat-Fanzine mit dem Namen MP seinen Betrieb auf. Zudem setzte ein unvermuteter Boom von regionalen und überregionalen Amateurband-Wettbewerben ein, der ab 1966/67 eine deutliche Spur durchs ganze Land zog: Abgehalten in Wirtshäusern, Parteilokalen oder Pfarrheimen und gesponsert von lokalen Bierbrauereien oder Tageszeitungen, trugen die Veranstaltungen festliche Namen wie „Musik der Kontraste“, „Weinland-Grand-Prix“, „Pop im Rampenlicht“ oder „Pop-Pokal“. Die große Summe teilnehmender Bands gab den Organisatoren jedenfalls recht. In der subjektiven Wahrnehmung etlicher Zeitzeugen, wie auch damaliger Pressestimmen, verfügte plötzlich jeder Gemeindebau und jeder Schulhof über eine eigene Beat-Formation. Die publizistische Öffentlichkeit, der dieser Trend freilich suspekt anmuten musste, setzte die Betonung gerne auf den Amateurstatus und die mangelnde Professionalität der Musiker, wie auch auf die Kurzlebigkeit der jeweiligen Projekte: „Die meisten der etwa 1800 österreichischen Amateurbands, die sich einen kometenhaften Aufstieg ersehnen, wechseln ihre Spieler ständig. Private Meinungsverschiedenheiten sind meist der Grund dafür oder musikalische Missverständnisse.“ (Jugend Voran, 1966).
Erfreulicherweise lässt sich die Annahme laufend widerlegen, es gäbe angesichts der überwältigenden Vielzahl vergessener (und mangelhaft dokumentierter) Amateur-Combos keine repräsentativen Tonträger-Erzeugnisse des österreichischen Beatband-Movements. Bei etlichen lokalen Bandwettbewerben erwartete die Erstplatzierten etwa ein Plattenvertrag bei einem kleinen regionalen Label. In anderen dokumentierten Fällen ergriffen die jungen Musiker auch selbst die Initiative, kratzten ihr Erspartes zusammen und fuhren über die Landesgrenzen in die Schweiz oder nach Deutschland, wo die Kommunikation mit Studios und Presswerken weniger schwerfällig war als in Österreich. Manch junge Formation hatte hingegen auch gewaltiges Glück und rutschte – zur richtigen Zeit am richtigen Ort – tatsächlich in den Roster eines Major-Labels und schaffte auf diesem Weg den Sprung ins Fernsehen oder Radio, ja sogar ins deutsche Bravo.
Die hier ausgewählten Songs wurden in den jeweiligen Fan- und Freundeskreisen seinerzeit zweifelsfrei rauf- und runtergespielt, blieben in einem größeren, populären Diskurs allerdings stets unsichtbar. Einige wegweisende Veröffentlichungen, wie etwa die Singles der Slaves, Boys, Gamblers oder Desperates erschienen in kleinen Stückzahlen (auf obskuren ausländischen Labels) und waren ohnehin nicht um hymnische Rezensionen im österreichischen Feuilleton bemüht.
Der Wiener Kulturinitiative Trash Rock Archives ist es in langen Jahren der Recherche und Erfassung relevanter Tonträger-Materialien gelungen, einen nahezu vollständigen Bestand österreichischer Musikproduktion aus dem fraglichen Zeitraum zu sichern. Dies ist die erste Zusammenstellung ihrer Art. Wir waren daher bemüht, einem interessierten Publikum einen differenzierten Einblick in die Geschichte der Teenager-Tanzbands und der ersten Hochphase österreichischer Beatmusik zu verschaffen. Wir wünschen viel Vergnügen mit Schnitzelbeat Volume Two — You Are The Only One (Raw Teenage Beat And Garage Rock Anthems From Austria 1964–1970).

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