2010
Diese Compilation - geplant als eine Art tönendes Jahrbuch - kann nicht alle vor den Vorhang bitten. Und will auch neuen, (noch) unbekannten, entdeckenswerten StadtmusikantInnen eine Bühne geben. Insofern ist die Auswahl eine, sagen wir mal: launige. Aber keine zufällige. WIEN MUSIK 2011. Viel Vergnügen, wir hören uns bald wieder....
2011
Kollektionen wie diese sind nicht zuletzt notwendig, um zu zeigen, dass Wien nicht nur ein musealer Pantheon repräsentativer Hochkultur ist. Beziehungsweise: sein kann, darf, soll. In einem politischen Umfeld, das - Jahr für Jahr - mit über 90 Prozent seines Budgets die Sparten "Klassik" und "traditionelles Musiktheater" unterfüttert, tut es bisweilen gut, wenn eine frische "Welle Wien" über den Tellerrand der Selbstzufriedenheit schwappt. Und mit scharfer Stimme verkündet, dass die Stadt brennt. Oder zeitgemässe Wienerlied-Apostel Qualtinger, Heller, Rapid und ein Glaserl Mineralwasser beschwören...
2012
"Manchmal weiß ich nicht, ob ich ein Wiener oder ein Mensch bin." (Helmut Qualtinger)
Die Verwirrung war groß. Und sie wurde im Lauf der Zeit noch größer. Alle Jahre eine Wien.Musik-Compilation, also eine Sammlung der denkwürdigsten, berührendsten, trefflichsten Songs aus der Metropole an der Donau (und in der Mehrzahl auch über sie) - und dann zeigt die CD weder den Stephansturm noch das Riesenrad? Oder vielleicht Künstler/innen und Bands, die auf dem Tonträger auch aufspielen? Nichts davon. Die Cover-Models bislang hießen Franz Schuh, Dominic Heinzl und David Schalko. Anno 2013 kommt mit Birgit Minichmayr - endlich! - die erste Frau ins Spiel. Aber was haben ein Literat & Philosoph, ein Gesellschaftsreporter, ein Filmregisseur und letztlich eine Schauspielerin mit dem Soundtrack einer Stadt zu tun?
Die Antwort lautet: alles und nichts. Denn Wien lebt, mehr als andere Ballungszentren, von einer selten heimlichen, bisweilen umheimlichen Verquickung und Verstrickung von Hemisphären, Biotopen, Personen und Szenen. Und Künstlerin oder Künstler ist in Wien beinahe jede/r. Im weitesten Sinn. Auch wenn man gelegentlich geneigt ist, die "Cultural Industries" - von denen Kulturpolitiker und Business Angels so gerne schwadronieren - nahe dem nächstgelegenen Heurigen anzusiedeln. Als bedeutungstrunkene Imagination. Die Wirklichkeit ist ein langer, träger Fluß. "Vielleicht ist das Tolle an Wien, dass man von dieser Stadt - auf gute Art und Weise - in Ruhe gelassen wird.", so Jazz-Gitarrist Wolfgang Muthspiel. "New York ist anders. Da kommen ständig Impulse. Wien ist ein probater Ort für Künstler in dem Sinne, dass man ohne viel Infos von außen etwas machen kann."
Hier also die tönende Innenansicht der Saison. Und eine Info, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen: im Herbst folgt außertourlich eine weitere Compilation mit den Klassikern der Wiener Pop-Moderne. Und das Cover kann eigentlich nur einen zeigen: Helmut Qualtinger. Der war immerhin Sänger. Auch. Viel Vergnügen, wir hören uns bald wieder.
2013Die Antwort lautet: alles und nichts. Denn Wien lebt, mehr als andere Ballungszentren, von einer selten heimlichen, bisweilen umheimlichen Verquickung und Verstrickung von Hemisphären, Biotopen, Personen und Szenen. Und Künstlerin oder Künstler ist in Wien beinahe jede/r. Im weitesten Sinn. Auch wenn man gelegentlich geneigt ist, die "Cultural Industries" - von denen Kulturpolitiker und Business Angels so gerne schwadronieren - nahe dem nächstgelegenen Heurigen anzusiedeln. Als bedeutungstrunkene Imagination. Die Wirklichkeit ist ein langer, träger Fluß. "Vielleicht ist das Tolle an Wien, dass man von dieser Stadt - auf gute Art und Weise - in Ruhe gelassen wird.", so Jazz-Gitarrist Wolfgang Muthspiel. "New York ist anders. Da kommen ständig Impulse. Wien ist ein probater Ort für Künstler in dem Sinne, dass man ohne viel Infos von außen etwas machen kann."
Hier also die tönende Innenansicht der Saison. Und eine Info, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen: im Herbst folgt außertourlich eine weitere Compilation mit den Klassikern der Wiener Pop-Moderne. Und das Cover kann eigentlich nur einen zeigen: Helmut Qualtinger. Der war immerhin Sänger. Auch. Viel Vergnügen, wir hören uns bald wieder.
"Wien bleibt Wien, und das geschieht ihm ganz recht."(Hans Weigel)
Ach, Zitate könnte man haufenweise zusammentragen. Sogar der profane, längst zum Werbeslogan herabgewürdigte Spruch „Wien ist anders“ ist eines. Ein Zitat. Es stammt vom fast vergessenen Autor und Theaterkritiker Hans Weigel – wie auch die obige gallige Anmerkung. Jeder ironiefeste Heurigensänger würde noch ein launiges „Hallo!“ hintanfügen.
Egal, ob Weigel, Heller, Qualtinger, Kraus, Freud oder andere Geisteskapazunder und Gemütsanalytiker: sie haben der Grundstimmung dieser Stadt auf den Grund zu gehen versucht. Einer Tonalität, die auch das Trio Lepschi zur Abrundung der diesjährigen WIEN.MUSIK-Kollektion anklingen lässt: „A Weanerliad is wia a guader Blues, tuat a a bissl weh wia a Bluaterguss.“ Und oft klingt die süße Schwere der quasi traditionellen Weisen unterschwellig angriffiger als die forsche Gangart der Jungen, egal ob sie vom HipHop her kommen, aus der elektronischen Reichshälfte oder vom Rock’n’Roll nach FM4-Bauart.
Apropos: in diesem Jahr wurde es wieder einmal lauter in Sachen Airplay und lokaler Musikproduktion. „Mei Radio is’ hin“, singt etwa Birgit Denk, „mei Radio spüt oiwei ´s söwe Liad, ich hurch schon nimma hin.“ Besser könnte man den betrüblichen Zustand der Rundfunk-Anstalten dieses Landes nicht beschreiben, egal, ob es sich um öffentlich-rechtliche oder private Heulbojen handelt. Ausnahmen bestätigen die Regel: Mundart, Politpop, heutige Themen und frische Kräfte haben keine Chance. Wir nehmen sie uns trotzdem. Diese Plattform – in Form einer regelmäßig und unbeirrt auf diversen Schreibtischen, in CD-Player-Schubladen, Redaktionstuben und Gehirnwindungen landenden runden Scheibe – ist schließlich auch dafür da, jene zu beschämen, die scheinheilig (oder gar ernsthaft) fragen, wer und wo und wie und was. Eben: das. Viel Vergnügen, wir hören uns bald wieder.
2014
"Einmal willst du leben in Rom, einmal willst du nach Berlin, einmal willst du leben auf Hawaii, sterben wirst du leider in Wien, da g’hörst du hin." (Wanda)
Was obiges Zitat bedeuten soll, „kann man nur in Wien herausfinden“, befand die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“. Und schickte folgerichtig Berichterstatter in die so mysteriös von Klischees, Raunzerei und dunklen Ahnungen geplagte Metropole. Was man vorfand, waren „Oasen der Unvernunft“. Was man damit meinte, war ein neues Popwunder.
Angefangen von Conchita Wurst, im Jahr eins nach dem Triumph beim Eurovision Song Contest, bis zu den neuen Szenehelden Bilderbuch und Wanda bemerkte man endlich auch im Ausland (wieder) die überbordende Dichte und Fülle des Biotops an der Donau. In Nino aus Wien und Ernst Molden meinte der „Zeit“-Chronist Charakterdarsteller zu erkennen, die es zufällig ins Unterhaltungsgewerbe verschlagen hat. In Franz Wenzl alias Austrofred den wortgewandten Aufklärer in Sachen Austropop alt und neu. Es gibt dieses Genre, hie wie da, in zwei Formen: einmal defensiv, einmal breitbeinig. Aber niemand in der Stadt sehnt eine Austropop-Renaissance herbei. Es ist, wenn überhaupt, eine leichtfertige Zuschreibung des deutschen Feuilletons. Ein Schmäh, wie man hierzulande zu sagen pflegt.
Tatsache ist, dass Wien – nach jahrelangen Durchhängern post Kruder & Dorfmeister – wieder einen ganz eigenen Sound hat. Und einen damit verbundenen Ruf. Auf eine bestimmte Tonalität lässt sich der Klang der Jetztzeit nicht herunterbrechen, dazu ist die Szene – zwischen Polen wie Problembär Records und Affine (der alten Label-Heimat des Elektronik-Pioniers Dorian Concept), Norbert Schneider und Ken Hayakawa, Wiener Blond und Sir Tralala – zu vielgestaltig und widersprüchlich. Die aktuelle Ausgabe dieses tönenden Jahrbuchs erklärt auch ungeniert Elektronik, Punk und HipHop für unverzichtbar, die Oberösterreicher Attwenger zu Hauptstädtern – und mit der deutschen Band Love A hat man erstmals einen Außensicht eingemeindet. (K)ein Bruch. Take Me Home, Vienna!
2015 könnte, aller Prosperität und Diversität zum Trotz, ein entscheidendes Jahr werden für das kulturelle Kleinklima dieser Stadt. Es stehen Wahlen an, und die gesellschaftliche Großwetterlage ist keine strahlend helle. Noch nie war auch so viel Zorn, Kritik und explizite Politik zwischen und in den Zeilen der Raps, Gstanzl’n und wohlgesetzten Texte zu hören. Wir sehen das positiv. Die Stadt wächst. Eventuell auch über sich hinaus. Viel Vergnügen, wir hören uns bald wieder.
Angefangen von Conchita Wurst, im Jahr eins nach dem Triumph beim Eurovision Song Contest, bis zu den neuen Szenehelden Bilderbuch und Wanda bemerkte man endlich auch im Ausland (wieder) die überbordende Dichte und Fülle des Biotops an der Donau. In Nino aus Wien und Ernst Molden meinte der „Zeit“-Chronist Charakterdarsteller zu erkennen, die es zufällig ins Unterhaltungsgewerbe verschlagen hat. In Franz Wenzl alias Austrofred den wortgewandten Aufklärer in Sachen Austropop alt und neu. Es gibt dieses Genre, hie wie da, in zwei Formen: einmal defensiv, einmal breitbeinig. Aber niemand in der Stadt sehnt eine Austropop-Renaissance herbei. Es ist, wenn überhaupt, eine leichtfertige Zuschreibung des deutschen Feuilletons. Ein Schmäh, wie man hierzulande zu sagen pflegt.
Tatsache ist, dass Wien – nach jahrelangen Durchhängern post Kruder & Dorfmeister – wieder einen ganz eigenen Sound hat. Und einen damit verbundenen Ruf. Auf eine bestimmte Tonalität lässt sich der Klang der Jetztzeit nicht herunterbrechen, dazu ist die Szene – zwischen Polen wie Problembär Records und Affine (der alten Label-Heimat des Elektronik-Pioniers Dorian Concept), Norbert Schneider und Ken Hayakawa, Wiener Blond und Sir Tralala – zu vielgestaltig und widersprüchlich. Die aktuelle Ausgabe dieses tönenden Jahrbuchs erklärt auch ungeniert Elektronik, Punk und HipHop für unverzichtbar, die Oberösterreicher Attwenger zu Hauptstädtern – und mit der deutschen Band Love A hat man erstmals einen Außensicht eingemeindet. (K)ein Bruch. Take Me Home, Vienna!
2015 könnte, aller Prosperität und Diversität zum Trotz, ein entscheidendes Jahr werden für das kulturelle Kleinklima dieser Stadt. Es stehen Wahlen an, und die gesellschaftliche Großwetterlage ist keine strahlend helle. Noch nie war auch so viel Zorn, Kritik und explizite Politik zwischen und in den Zeilen der Raps, Gstanzl’n und wohlgesetzten Texte zu hören. Wir sehen das positiv. Die Stadt wächst. Eventuell auch über sich hinaus. Viel Vergnügen, wir hören uns bald wieder.
"Wenn die Welt einmal untergehen sollte, ziehe ich nach Wien, denn dort passiert alles 50 Jahre später." (Gustav Mahler)
„Denkst Du, der Hype ist schon wieder vorbei?“ Fragen dieser Art trudeln ständig ins Elektropostfach, wenn man in dieser Stadt von Berufs wegen mit Musik zu tun hat. Der Absender sitzt nicht selten in Deutschland. Oder in einer heimischen Redaktionsstube, die den Hype – also das geschickte Hochjubeln – aus naheliegenden Gründen gern am Köcheln halten möchte. Die Antwort ist immer dieselbe: Kommunikation ist kein Einbahnverkehr. Und ein einmal gewecktes Bedürfnis – das nach Tönen und Worten aus Wien – lässt sich dauerhaft nur aufrecht erhalten, wenn Stoff und Dosis, sprich: Qualität und Quantität, nachhaltig verfeinert, professionalisiert, konzentriert und gesteigert werden können.
Unsere Behauptung lautet nun: sie können. Nie zuvor gab es eine so dichte, so spannende, so vielgestaltige Szene in der Donaumetropole. Wir rechnen hier übrigens großzügig ein Einzugsgebiet von einigen hundert Kilometern mit ein – letztlich dient dann die Hauptstadt des Landes (fast) immer als Sprungbrett über die Grenzen hinaus. Aber wie vielen Acts gelingt er tatsächlich? Wer kann wirklich sorgenfrei leben von der ach so holden Kunst? Und ist „Weltberühmtheit in Wien“ – also die freiwillige Selbstbeschränkung des Wirkungsradius – nicht ein probates instinktives Rezept gegen den Ausverkauf?
„Wir hatten in Österreich lange keine funktionierende Musikindustrie, die Radiosender haben uns immer boykottiert – davon haben Bands wie Wanda oder Bilderbuch sehr profitiert.“ Einwurf Marco Michael Wanda. „Das hat uns dazu getrieben, einfach drauf zu scheißen, einfach zu tun, was wir wollen. Das war super. Ich wünsche jedem Land eine kaputte Musikindustrie, weil dann viel mehr passiert.“
So gesehen sitzt die funktionierende Maschinerie in Berlin, München, Hamburg. Oder gar in London oder New York. Man möge dort anklopfen, um etwas zu reissen. Aber passieren muß es zunächst hier. Im eigenen Kopf. Im Proberaum oder Aufnahmestudio. In dieser Stadt. Viel mehr. Viel viel mehr. Noch existiert kein wirklich potenter, kundiger und offensiver lokaler Durchlauferhitzer wie Red Bull Records, Vice Music, Preiser 2.0 oder Vienna Pop Up Tracks... Noch. Und, ja, auch die heimischen Majors sind doch eine Spur aufmerksamer geworden. Wetten, die (und viele andere) lauschen hier mit? Viel Vergnügen, wir hören uns bald wieder.
2016
"Wir Wiener blicken vertrauensvoll in unsere Vergangenheit." (Karl Farkas)
Jetzt können wir doch schon auf einige Ausgaben dieses tönenden Almanachs der Wiener Musikszene (oder, präziser: dieser alljährlichen Dokumentation eines bisweilen intensiven, bisweilen beiläufigen Beobachtungsprozesses) zurückblicken. Wir, das ist ein wechselndes Team von Auskennern, Zuträgern, Hörer/innen und Fans in einem Betrieb, den man einst „Label“ oder gar „Plattenfirma“ nannte. Und wir haben die Pflicht – den geschärften Blick auf die lokale Szene, also im Branchenjargon einen A&R-Task – zur Kür erklärt. Unter Einbeziehung des p.t. Publikums.
Wer immer also diese CD wann und wo auch immer in Händen hält, nennt die Essenz eines wochenlangen Selektionsprozesses sein/ihr Eigen. Das Beste des Jahrgangs 2017. Natürlich strikt subjektiv. Und konsequent verzahnt mit der Prämisse, dass man dem Entstehungsort zumindest ansatzweise – in Textfetzen, Stimmungen oder musikalischen Spurenelementen – nachspüren kann.
2017 tönt anders. Irgendwie. Auch wenn die Sendboten der Wiener Musiklandschaft, mittlerweile recht routiniert, ihre Fühler in die weite Welt ausstrecken (und dann sprachlich und/oder ästhetisch in der Stadt zumeist nicht mehr wirklich zu verorten sind), ist im Kontrast eine Rückbesinnung auf den Dialekt, das Lokalkolorit und die Vergangenheit auszumachen. Es ist wohl auch kein Zufall, dass mit „Ganz Wien. Eine Pop-Tour“ (im Wienmuseum zu sehen bis März 2018) zeitgleich die erste große Ausstellung zur Geschichte der lokalen Szene und ihrer Wirkungsstätten stattfindet. Wurzelforschung mit Unterhaltungscharakter? Ja, auch.
Die These jedenfalls, die sich wie ein roter Faden durch diese Revue zieht, ist die konstitutive Stellung des Literarischen, die das Wesen des Wiener Pop charakterisiert. Freilich ist das Gegenteil – auch das in dieser Stadt ein prinzipielles Wesenselement – genauso wahr. Der erste wirkliche Welterfolg nach 1945 war das „Harry Lime-Thema“ von Anton Karas (aus dem Soundtrack zu Orson Welles’ „Der dritte Mann“) – ein Instrumental. So what? Soweit so nah: zwischen Voodoo Jürgens und Left Boy liegt oft nur ein winziger Zufall in grauer Vorzeit. Viel Vergnügen, wir hören uns bald wieder. 2017
»Wien darf nicht verwechselbar mit dem Zentralfriedhof werden« Michael Häupl
Wir sind nicht unzufrieden mit dem, was wir Ihnen auf und mit diesem Tonträger präsentieren können. Im Gegenteil. Wie immer behaupten wir (und das wohl mit einem gewissen Recht, das aus lockerer Ernsthaftigkeit resultiert), es wäre das Beste des Jahrgangs. Die Essenz. Die wesentlichen Namen, Akteure, Musik- lieferant/inn/en anno 2018. In, aus und für die Stadt, die dieser Compilation ihren Namen gibt – und aus allen Tonspuren herauszuhören ist (wenn man sich ein wenig hineinfühlt).
Ein Song-Kleinod aber geht uns ab. „Ein letztes Wienerlied“. Es handelt sich um ein Stück der höchst populären Gruppe Wanda. Oder, exakter, um eine Komposition rund um einen Text des Kabarettisten und Theaterdirektors Kurt Robitschek, der einst in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts für Hermann Leopoldi, der dem Nazi-Terror in die USA entflohen war, geschrieben wurde. Er hat ihn nie erreicht. „Es war mir eine Ehre“, sagt Marco Michael Wanda, „statt Leopoldi dieses Lied zu Ende zu komponieren und zu singen.“ Wie immer die Geschichte geht: es ist ein Abgesang auf Wien, eine sentimentale Distanznahme, ein Fundstück mit dunklem Zeitkolorit und zugleich erschreckend zeitloser Bitterkeit. Wir haben den Song nicht freibekommen, es hieß, Wanda hätten noch viel mit ihm vor. Egal. Jedenfalls werden wir dem Sänger und Kopf der Gruppe diese Zeilen zum Lesen geben, wenn wir wieder anklopfen: eine Sammlung von Liedern, die etwas über diese Stadt, ihre Bewohner, ihre Vergangenheit und eventuell auch etwas über ihre Zukunft sagen möchte, kommt ohne dieses spezielle letzte Wienerlied nicht aus. 2019 dann! „Schottenring“ aber ist, immerhin, kein billiger Ersatz. Andererseits: was alte und neue Mitspieler wie Kreiml & Samurai, Musser & Schwamberger, Sir Tralala, Kollegium Kalksburg, Paul Plut, Jugo Ürdens & Co. von sich geben, braucht auch keine Konkurrenz zu fürchten.
Vienna Rest In Peace! Die Stadt der lebenden Toten ist eine sterbenswerte Stadt, glaubt man einigen der wortgewaltigen, spielfreudigen Akteure hier. Morbidität als Klischee? Wir schwören: extra bestellt haben wir diesen Grundton nicht. Die passende Coverillustration dann aber doch.
Viel Vergnügen, wir hören uns bald wieder.
2018
Ich dachte es sind Menschen, es sind aber leider Wiener! (Helmut Qualtinger)
Vielleicht war es ja eine Schnapsidee, zu behaupten, es ließe sich jedes Jahr eine silbern glänzende Plastikscheibe füllen mit Songs in, aus und über Wien. Eine Sammlung, die es wert wäre, sie für alle Zeit aufzubewahren. Für kommende Generationen. Oder doch zumindest bis zum Umschwung der Großwetterlage, der Wiedereröffnung des Wien-Museums – oder auch nur bis zur nächsten Schrebergarten-Party von Onkel Hans.
Es ist zehn Jahre her, dass diese kompakte Idee geboren wurde, also feiern wir ein kleines, rundes Jubiläum. Und dennoch ist uns nur bedingt nach einem großen Geburtstagstusch zumute – die CD stirbt gerade einen stillen Tod, sie wird von Streaming, Playlists und YouTube abgelöst. Man könnte also halbwegs elegant unsere jährliche Übung ins Internet auslagern. Und vielleicht tun wir das auch, früher oder später. Aber es wäre nur das halbe Vergnügen: jedes Bild, jede Illustration, jeder Beistrich, ja jede Werbeanzeige (nebstbei: herzlichen Dank unseren treuen Sponsoren und Wegbegleitern!) ist so gültig wie jeder Ton, den Sie zu hören bekommen. Allein, wenn wir die Wien-Musik-Covers seit 2010 aneinanderlegen, wird ein Roman daraus. Er erzählt unzählige Geschichten aus den Kellern der Nacht.
Offen gesagt: wir waren knapp daran, zwei Tonträger zusammenzustellen – die Dezenniums-Ausgabe hätte es verdient. Selten waren die kulturellen Arsenale dieser Stadt praller gefüllt. Und selten fiel es uns schwerer, das Beste des Jahrgangs herauszufiltern. Die Essenz. Die wesentlichen Namen, Acts, Musikproduzent/inn/en anno 2019. Aber in der Konzentration auf die maximale Spieldauer einer CD liegt auch Trennschärfe: warum sind Granada nicht vertreten in dieser Kollektion, Pauls Jets, Wurst, Pizzera & Jaus, Gutlauninger, Cari Cari, Station Rose oder Ernst Molden & Das Frauenorchester? Gute Frage. Nächste Frage.
Immerhin: Wandas „Letztes Wienerlied“ haben wir freibekommen. Die Story dazu können Sie in den Liner Notes der vorjährigen Wien.Musik-Compilation nachlesen, sofern dies nötig erscheint. Wir sagen nur: ein denkwürdigerer Abschluß dieser Sammlung an Musikstücken, Couplets, Rock’n’Roll-Hadern, Punk-Schrapnells und Songdokumenten zwischen sentimentaler Elektroakustik und retro-futuristischem Heurigenlied ist nicht vorstellbar.
Mit welchen Aussichten schreiten wir also in die Zukunft? Mit den besten. In einem Jahr, da Bilderbuch vor dem Schloß Schönbrunn auftreten, Soap&Skin die Wiener Festwochen eröffnet (gemeinsam mit, Frauen vor!, unzähligen anderen Akteurinnen) und Paenda spektakulär den European Song Contest aung’lahnt lässt, wäre eine alternative Perspektive purer Defätismus. Ibiza ist anderswo. WIEN MUSIK 2019. Viel Vergnügen, wir hören uns eventuell wieder.
Wien Musik 2019
Wien Musik 2019










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