Vienna Dont Fret (2017)
Kaum liest man etwas über BRAZENLINX, entdeckt man immer den Zusatz: „Hard Rock aus Wien“!
„Gut“, denkt man sich, „das ist ja nun auch nicht so weltbewegend. Da sind BRAZENLINX nicht die einzigen Wiener, die das Hard-Rock-Würstchen rausholen und ordentlich abrocken.“
So weit, so gut – doch...
BRAZENLINX weisen nicht nur in Wien, sondern auch weit darüber hinaus
eine Besonderheit auf, die ihr durchaus eine Ausnahmestellung innerhalb
des Hard Rocks einräumt. Denn die Wiener setzen bei ihrer
Hard-Rock-Interpretation nicht auf E-Gitarren, fette E-Bässe und
bombastische Keyboards. Nein, die spielen bei ihnen überhaupt keine
Rolle!
Der Hard Rock von BRAZENLINX basiert auf einer Stimme und drei Instrumenten: Schlagzeug, Cello und Bratsche!
Und DAS ist etwas ganz Besonderes!
Oder
wie es der Cellist der Band so schön feststellt: „Electric Strings Rock
hat definitiv die Macht, die gesamte Branche aufzumischen.“
Mit „Vienna Don‘t Fred“ legt das Wiener Hard-Rock-Quartett ihr
Debüt-Album vor. Und das hat es in sich, weil man erstens kaum zu
glauben vermag, dass dieser dynamische, druckvolle Hard Rock tatsächlich
mit Cello und Bratsche, aber ohne Gitarre und Bass präsentiert wird.
Auch der Sänger hat eine ordentliche Röhre, die er zwischen brachial und
filigran ohne jegliche Schwächen auslebt. Und dass sie mit „More“ eine
ganz spezielle Cover-Version der SISTERS OF MERCY für ihr Debüt
ausgewählt haben, zeigt zugleich, in welche Richtung sich die Musik auf
„Vienna Don‘t Fret“ bewegt.
Aber es gibt auch ein unüberhörbares
zweites Vorbild, das stärker dem Grunge als Hard Rock zugeordnet wird:
NIRVANA. Kein Wunder also, dass der Bratschist und Bandleader
feststellt: „Unsere Debüt-CD ist für mich das spannendste Projekt seit
NIRVANAs ‚Nevermind‘-Album.“
Da klingt viel Stolz, allerdings auch
etwas Übertreibung mit, denn mitunter spürt man, dass die vier
Hardrocker noch immer auf der kompositorisch-komplexeren Suche sind,
sich die eine oder andere Nummer zu stark ähnelt, zu wenige Soli
auftauchen. Auf „Fortune Cookie“ findet man übrigens eins an der
Bratsche, das einen glattweg umhaut und den Wunsch weckt: „Bitte mehr
davon!“
Auch wäre es nicht schlecht, die Stimmungen stärker zu variieren. Dass BRAZENLINX krachend rocken können, ist nach den (leider nur) 40 Minuten eindeutig klar, die ruhigeren, aber auch komplexeren oder gar symphonischen – bei solchem Instrumentarium bietet sich das geradezu an – kommen deutlich zu kurz. Hard Rock definiert sich eben nicht nur über Härte, sonder auch über die entspannt-spannenderen Momente, die sich nach und nach entfalten, genauso wie über längere Songs. Dass die 11 Titel jeweils eine Laufzeit zwischen 2 und 4 Minuten aufweisen, ist schlicht eine schwache Leistung. So kommen mitunter sogar starke Erinnerungen an APOCALYPTICA auf, die unbedingt vermieden werden sollten, um das „Wiener Alleinstellungsmerkmal“ auch konsequent durchzuziehen.
„Go Getters“ kommt wie „gestrichene“ METALLICA daher und während man anfangs glaubt, dass BRAZENLINX sich bei „Wanna Live Forever“
einen QUEEN-Coversong vornehmen, ist auch dieses Stück nur eine
straighte Rock-Nummer, bei der sich die Musiker an ihren Instrumenten
ordentlich austoben können.
Ein wenig anders sieht es bei „Beware“ aus, der düsterste und stimmungsmäßig zugleich an BLACK SABBATH erinnernde Titel des Albums.
Mit „More“ - übrigens auch der längste Titel des Albums - steht die
einzige Cover-Version direkt in der Mitte des Albums und beweist uns,
dass die SISTERS OF MERCY eben eine Ausnahmenummer komponieren können,
die BRAZENLINX hier auf ihre Art beachtlich interpretieren.
Der
Sänger stellt darum zu „More“ fest: „Unsere Cover-Version ist eine
komplett neue Version dieses Songs. Wir haben wirklich lange
herumprobiert, bis wir zufrieden waren, aber das Ergebnis kann sich
absolut sehen lassen!“ Wohl auch gerade wegen dem kurzen Viola- und
Cello-Solo darin.
Den Wienern selber gelingen genau solche
Kompositionen noch nicht, so ambitioniert auch die Idee hinter
„Viola-Cello-Drums-Voice“ sein mag. Das allein reicht einfach noch
nicht.
In gewisser Weise arbeiten BRAZENLINX daran, innerhalb des Hard Rocks ein Subgenre zu etablieren. Mit „Vienna Don‘t Fret“ ist der Anfang gemacht, nun aber sind mehr Mut, komplexere Kompositionen und längere Stücke gefragt – sonst fürchtet sich Wien einfach noch nicht so richtig.
FAZIT: Ist es tatsächlich möglich, Hard Rock lediglich mit elektrischen Streichinstrumenten, Schlagzeug und Sänger zu produzieren? Aber klar doch, hat sich BRAZENLINX aus Wien gedacht und mit „Vienna Don‘t Fret“ ein Album rausgehauen, das von der Idee her spannend, in seiner Umsetzung noch nicht ganz überzeugend ist. Die Neugier auf solche Musik haben sie auf jeden Fall geweckt, nun aber gilt es, ordentlich nachzulegen!

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