Sonntag, 10. Januar 2021

CONVERTIBLE

 

Frailty Of Win - Strength Of Defeat (2006)

Convertible 3 (2007)

Alh84001 (2010)

The Growing Of Things (2013)

Holst Gate (2018)

 

Convertible ist eine österreichisch-deutsche Band. Im Jahr 2008 war die Band für den FM4 Award, der im Rahmen der Amadeus Austrian Music Award verliehen wird, nominiert.  

 Hans Platzgumer ist einer der wenigen international renommierten Popmusiker Österreichs. Nach Jahren der Elektronik spielt der einstige H.P.-Zinker-Frontmann wieder Gitarre und veröffentlicht mit "Convertible" sein spätes Majordebüt.

Beinahe auf die Woche genau vor 15 Jahren war Hans Platzgumer erstmals mit einem großen Interview im Falter präsent. Trotz seiner Jugend - als Neunzehnjähriger hatte er noch nicht einmal die Teenagerzeit hinter sich gelassen - galt der Tiroler damals schon als etablierte Größe der heimischen Alternativmusik; Falter-Popkritiker Chris Duller sah in ihm überhaupt den "unbestritten kreativsten und ambitioniertesten österreichischen Popmusiker".
Tatsächlich war der Sohn des Innsbrucker Sicherheitsdirektors mit Bands wie Funktaxi, Nylon, den Capers, KÖB oder Platzlinger bereits seit 1983 in der lokalen Undergroundszene aktiv gewesen; sein selbstbewusst-forderndes Auftreten unterschied ihn wohltuend vom Gros der österreichischen Popszene. "Mein Vater war sehr weltoffen, es hat ihn nicht gestört, dass ich hinausgeschrägt bin und zum schwarzen Schaf einer verbeamteten Familie wurde", erinnert sich Platzgumer heute an seine Anfänge. "Es sind ja nicht alle Bullen böse. Problematisch war es nur, als die Tiroler Tageszeitung einen großen Artikel mit der Riesenüberschrift ‚Vater Polizist, Sohn Punk' samt einem Foto unseres Hauses brachte. Das hat ihn irrsinnig gestört, während ich solche Artikel natürlich lustig fand."
1987 erschien Platzgumers erste Soloplatte, ein krachiges Heimwerker-Kleinod mit dem schönen Titel "Tod der CD!", das konsequenterweise nur als Vinylschallplatte erhältlich war. "Achtung Lo-Fi" hatte der ebenso beherzte wie wüste Jungrocker am Backcover vermerkt; "I've got to walk this way and do something strange", stand im Beiblatt zur Platte. Das künstlerische Credo von "Tod der CD!" wurde im Falter-Interview 1989 mit jenem legendären Sager erklärt, der Platzgumer noch jahrelang begleiten sollte. Von "Trash im guten Sinne" war da die Rede; die Musik sei "hingeschissen, aber nicht dumm hingeschissen, sondern mit gutem Feeling hingeschissen".
Zum Zeitpunkt des Interviews plante der Multiinstrumentalist - zumindest Gitarre und Klavier hatte er am Konservatorium bzw. durch Privatunterricht professionell gelernt, ein Elektroakustikstudium folgte ebenso wie eine spätere Ausbildung zum Soundtrackkomponisten - gerade eine Amerikareise mit seinem Bassisten-Kumpel Frank Puempel. "Für ein paar Konzerte und um Kontakte zu knüpfen." Aus dem kurzen Trip wurde ein mehrjähriger New-York-Aufenthalt, und aus einem Platzgumer-Projekt unter vielen wuchs das Rocktrio H.P. Zinker, der bis heute bekannteste Eintrag in seiner musikalischen Biografie.
Ein halbes Jahr nach dem Falter-Gespräch waren die ersten H.P.-Zinker-Stücke fertig aufgenommen. Ihr New Yorker Fan Chris Lombardi hatte die Mini-LP "... and there was light" produziert und gleich auch ein eigenes Label dafür gegründet, das bald zu einer der bis heute bedeutendsten Drehscheiben des amerikanischen Popundergrounds werden sollte: Matador Records. Auch Thrill Jockey, das spätere Epizentrum der Post-Rock-Szene Chicagos (Tortoise, Trans Am & Co), startete sein Labeldasein 1992 mit H.P. Zinker. "Austrian Prog Rock that will blow your mind and possibly your speakers", vermerkt die Thrill-Jockey-Homepage noch heute über "Perseverance", der mit rund zwanzigtausend verkauften Exemplaren erfolgreichsten Platte des Trios.
Platzgumer und seine wechselnden Mitmusiker spielten zu dieser Zeit mit Größen wie Sonic Youth, Jon Spencer Blues Explosion und den Lemonheads, wobei sie sich mitten im Grunge- und Alternative-Rock-Boom weniger auf eingängig-rotzige Gitarrenhymnen im Dreieinhalbminutenformat konzentrierten, sondern den damals gängigen Gitarrennoise vielmehr mit bombastischen Progressivrockklängen der Siebzigerjahre verknüpften.
Nach dem Ende von H.P. Zinker zog Platzgumer 1995 nach Hamburg und zwei Jahre darauf weiter nach München. Er mischte vorübergehend bei den Polit-Punk-Avantgardisten Die Goldenen Zitronen mit, stellte die Gitarre ansonsten aber ins Eck und konzentrierte sich auf stilistisch ganz unterschiedliche Elektronikprojekte, die unter eigenem Namen sowie unter Pseudonymen wie Shinto, Cube & Sphere, Der Seperator oder Aura Anthropica erschienen.
War die Veröffentlichungsfrequenz dieser Produktionen an sich schon atemberaubend, so kamen dazu noch Remixe, Arbeiten als Produzent sowie Soundtrackeinspielungen für Film-, Theater- und Hörspielproduktionen. Nebenbei geriet Platzgumers Gagtrio Queen Of Japan mit Elektro-Pop-Coverversionen von Pophits der Ära "Wickie, Slime & Paiper" zu einem veritablen Undergrounderfolg, der es bis zum gefragten Catwalk-Soundtrack brachte; und irgendwann zwischendurch hat er auch noch einen autobiografisch gefärbten Roman ("ein Rock-'n'-Roll-Tagebuch mit philosophischen Ansätzen") geschrieben, der Ende 2004 erscheinen soll.
Sein Werk als Musiker sieht Platzgumer selbst bei aller Vielfalt durch eine gewisse Handschrift geeint: "Im Endeffekt fordere ich von jedem veröffentlichten Stück, dass es sich durch irgendetwas Spezielles hervorhebt. Das kann etwas extrem Hartes und Unhörbares ebenso sein wie etwas sehr Schönes und Kitschiges, aber ich kann und mag nichts Mittelmäßiges, Belanglos-Seichtes machen." Dass Quantität und Qualität seiner ausufernden Diskografie nicht unbedingt Hand in Hand gehen und gut gedachte Aufnahmen nicht zwangsläufig gut klingen müssen, streitet der Vielveröffentlicher gar nicht ab. Auf fünf bis zehn "extrem gelungene" Alben kämen etwa ebenso viele Platten, die ihm inzwischen "grauenhaft peinlich" seien; der nicht ganz unbeträchtliche Rest läuft für den 34-Jährigen unter "durchwachsen".
Sein neuestes Projekt Convertible - das soeben veröffentlichte Debütalbum trägt schlicht den Bandnamen im Titel - fällt für ihn naturgemäß unter die erste Kategorie. Tatsächlich zählt "Convertible" nicht nur zu Platzgumers besten Arbeiten seit vielen Jahren; mit seiner knapp zweijährigen Produktionszeit wirkt das entsprechend ausgefeilte und in sich stimmige Album auch als Gegenenmodell zur bisweilen beinahe seriellen Fertigung seiner Elektronikphase. Gleichzeitig verzichtet "Convertible" darauf, produktionstechnisch dick aufzutragen. "Ich habe es erstmals geschafft, ein bescheidenes und unspektakuläres Album zu machen", resümiert Platzgumer. "Sonst wollte ich immer etwas Aufsehenerregendes, während ich jetzt Elemente gefunden habe, die in ihrer Subtilität erst auf den zweiten oder dritten Blick aufsehenerregend sind."
Seine Zweifel, wie man unter den geänderten Bedingungen an eine Gitarrenplatte herangehen könne, hat Platzgumer zu Silvester 2001 mittels Neujahrsvorsatz beiseite geschoben: "Damals habe ich mir vorgenommen, die Gitarre endlich vor dem Hintergrund meiner Erfahrung mit elektronischer Musik in neuem Licht zu verwenden - und zwar wirklich als Gitarre und nicht als Soundelement, denn das ist zwar auch interessant, wurde aber schon von vielen anderen gut gemacht. Es ging mir darum, ein Verbindungsglied zwischen den Zinker-Jahren und meinen Elektronikproduktionen zu schaffen." Mit dem (Retro-)Gitarrenrockboom der letzten Jahre hat Platzgumers Rückbesinnung auf die Sechssaitige also nichts zu tun. Auch seine einstige Abkehr sei nicht durch den generellen Poptrend der mittleren Neunziger motiviert gewesen, sagt er; vielmehr wäre ihm nach einer Dekade des Rockens einfach nichts mehr Neues eingefallen.
Obwohl die späteren Convertible-Aufnahmen am Computer lange unter dem Arbeitstitel "Zinker 2002" gespeichert waren und ursprünglich auch ehemalige Bandmitglieder in die Aufnahmen miteingebunden werden sollten, hat "Convertible" mit dem gerüchteweise seit Jahren bevorstehenden Comeback von H.P. Zinker nichts gemein. Aller Nostalgie zum Trotz ist das letztlich auch gut so. "Irgendwann wurde mir klar, dass an H.P. Zinker ein unglaublicher Brocken an Geschichte hängt, den man nicht einfach abwerfen kann", so Platzgumer. "Die Vergangenheit hat mir derartig Angst gemacht, dass sie das neue Gitarrenprojekt beinahe erstickt hätte. Der ganze Überbau von H.P. Zinker ist einfach zu mächtig, da wäre es nur zu Unstimmigkeiten gekommen - gerade auch hinsichtlich der Erwartungshaltung der Leute."
Die Gitarre bildete auf "Convertible" zwar die Basis der Kompositionen; Platzgumer hat diese letztlich aber nicht mit Co-Musikern im Studio umgesetzt, sondern selbst eingespielt oder überhaupt am Laptop ausformuliert. Die Platte geriet dabei sehr feingliedrig und subtil; nach verzerrten Gitarren sucht man in den stimmungsvoll-melancholischen und zumeist entspannt zurückgelehnten Stücken nahezu vergeblich. "Ich finde es langweilig, die Gitarre nur als Schweinrockteil einzusetzen", meint Platzgumer zur Soundästhetik der Platte, die Fans von früher doch ziemlich überraschen dürfte. "Ganz im Sinne des Blues ist die Gitarre hier ein Feelinginstrument, das man auch ein bisschen biegen kann, während die Elektronik mit ihren Loops diesbezüglich doch ein bisschen zu mathematisch ist."
Hat Platzgumer ein Rocken im klassischen Sinne also bewusst verhindert? "Ja, denn das habe ich zur Genüge gemacht, und dafür bin ich jetzt auch in einer falschen Geistesebene oder Lebenslage." Live wird Convertible dennoch als klassisches Rocktrio antreten; neue Stücke sollen weiterhin nach dem erprobten Muster der Elektronik-Produktionsweise entstehen.
Als erstes Platzgumer-Album überhaupt erscheint "Convertible" nach zwei Dekaden aktiven Musikschaffens und Dutzenden Produktionen für unterschiedlichste Kleinlabels bei einem Majorkonzern. Der einstige Indie-Hardliner ist von der Zusammenarbeit mit dem Musikmulti Universal sichtlich angetan: "Für mich ist das gerade wie für einen Filmemacher, der stets mit Low Budget gearbeitet hat und irgendwann von Hollywood eingeladen wird, ohne dass ihm irgendjemand hineinreden würde", schwärmt Platzgumer.
"Gerade im Musikbereich ist es heute ohnehin kindisch, noch großartig zwischen Indie- und Majorlabel zu unterscheiden, denn letztlich geht es inzwischen auch bei kleinen Labels weniger um die Kunst, die Musik als vielmehr um die verkauften Einheiten. Komischerweise hatte ich bei Universal nicht nur optimale Produktionsbedingungen, sondern auch völlige Narrenfreiheit." Diese Narrenfreiheit bezieht sich neben der Musik auch auf die aufwendige CD-Hülle des Vorarlberger Künstlers Stefan Sagmeister, der bereits das Grammy-nominierte Cover des letzten H.P.-Zinker-Albums "At the Mountains of Madness" gestaltet hatte: Durch eine Reihe unterschiedlicher Grundmotive und verschiedener Stickerbeigaben wird jedes Exemplar von "Convertible" zum Unikat.
Dass Platzgumer hier nicht zuletzt auch von einigen ungleich weniger begabten, aber zumindest kurzfristig kommerziell sehr erfolgreichen heimischen Labelkollegen bei Universal profitiert, nimmt er mit einem lächelnden Schulterzucken hin: "Indirekt verdanke ich meine Freiheit bei Universal natürlich "Starmania", denn dadurch können sie sich einen Kobold wie mich leisten - aber so ist das eben bei großen Firmen, die so viele verschiedene Ebenen haben."
Wer bei Universal letztlich den längsten Atem hat, wird sich freilich erst weisen: Michael Tschuggnall, Österreichs "Popstar des Jahres 2003", Verena Pötzl, Österreichs Popstar des Jahres 2004 - oder vielleicht doch Hans Platzgumer, der etwas andere österreichische Popstar der Jahre 1987.

Allgemeine Informationen
Herkunft Bregenz, Österreich und München, Deutschland
Gründung 2003
Website convertible.platzgumer.net
Aktuelle Besetzung
Hans Platzgumer
Chris "Nils" Laine (seit 2010)
Mathias "Matti" Hämmerle (seit 2019)
Michael "Micky" Schneider (seit 2019)
Ehemalige Mitglieder
Bass
Polina Lapkovskaja (bis 2010)
Thomas „Tom Wu“ Wühr (2004–2013)




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